Die Eselskrone

Tiere & Creaturen laden ein
So 25.06.23 Thema 17:45 Konzert 18:15

Barfüsserkirche
Historisches Museum Basel

Die Eselskrone

I

n Koordination mit der Ausstellung «tierisch!» des Musikmuseums stellt ReRenaissance ein Konzertprogramm zusammen, das sich um Tiere in der Musik der Renaissance dreht.

Rund um Michel Beheims Lied von «Tieren & Creaturen», die sich in einem Tier-Rat darüber beschweren, dass Musiker aus ihnen Instrumente herstellen, erklingen Instrumentalstücke aus dem Glogauer Liederbuch, bei denen Tiere als Paten für die Titel stehen: «Pfauenschwanz», heisst es da, und «Rattenschwanz», «Katzenpfote» und «Eselskrone».

Darüber hinaus treten Ensemble-Ricercare namhafter Komponisten, wie «Der Hund» von Heinrich Isaac, sowie allerlei Lieder, bei denen Tiere die Hauptrollen spielen. Ein Konzert zum Wiehern, Blöken, Bellen oder Zirpen!

Frithjof Smith – Zink
Marc Lewon – Gesang, Laute, Viola d’arco
Masako Art – Renaissanceharfe
Caroline Ritchie – Grossgeige
Catherine Motuz – Posaune, Gesang; Leitung

Einführung um 17:45 durch Isabel Münzner, HMB

Um 15 Uhr können Sie im Musikmuseum an einer kuratierten Führung mit Isabel Münzner teilnehmen: Sind Tiere musikalisch? (In Deutsch, Eintritt plus CHF 5) Siehe auch hmb

 

Hase, Albrecht Dürer, 1502

Video

Teaser zu «Die Eselskrone» Tiere & Creaturen laden ein

Teaser zu «Die Eselskrone» Tiere & Creaturen laden ein; mit Marc Lewon; Video Grace Newcombe

Interview

Interview mit Caroline Ritchie, Gambistin

Thomas Christ: Zu Beginn würden wir gerne wissen, wie du den Weg zur mittelalterlichen Fidel und schliesslich zur Renaissancegambe gefunden hast.

Caroline Ritchie: Ich bin eigentlich ziemlich schnell vom Cello zur Gambe gekommen – die mittelalterliche Fidel kam erst viel später. Ich habe mit vier Jahren angefangen, Cello zu lernen, war aber schon immer von historischen Instrumenten fasziniert. Ich erinnere mich, dass meine Eltern mich zu einem Konzert mitnahmen, als ich etwa sechs Jahre alt war, mit Werken von Heinrich Schütz. Auch eine Gambe war Teil des Instrumentariums und ich war von dem Instrument und der Musik so begeistert, dass etwas in mir sagte: Irgendwann möchte ich dieses Instrument erlernen.

Mit 13 hatte ich meinen ersten Gambenunterricht und liebte es. Doch zunächst konzentrierte ich mich auf das Cellostudium. Erst während meines Bachelorstudiums wurde mir klar, dass man auch im Bereich der Frühen Musik eine Karriere machen kann. Ich habe dann in London Barockcello und Viola da Gamba studiert, aber es war die Neugier, mehr über die Aufführungspraxis des 16. und 17. Jahrhunderts zu erfahren, die mich nach Basel und schliesslich zur mittelalterlichen Fidel und zur Renaissancegambe führte.

TC: Kannst du uns etwas über die Geschichte der Gambe erzählen? Der Laie denkt, sie sei der Vorläufer des Cellos, aber es soll im 16. Jahrhundert auch Gamben ohne Stimmstock gegeben haben, die eher einer Laute ähnelten.

CR: Kurz gesagt, die Gambe ist enger mit der Lautenfamilie, insbesondere der Vihuela, verwandt als mit der Violinenfamilie. Jegliche Ähnlichkeit mit dem Cello kam später, ist aber nicht ganz zufällig. Es gab auch Gamben, die wie die Violine geformt waren, und ich denke, man kann behaupten, dass die beiden Familien im 16. Jahrhundert Attribute voneinander übernommen haben und ihre Entwicklung nicht so getrennt war, wie wir gerne glauben. Die allgemein akzeptierte These ist jedoch, dass die Gambe (die Vihuela d’arco) entstand, als die Bogentechnik des arabischen Rabab auf die Vihuela da Mano mit flachem Steg übertragen wurde. Dieses neue Instrument wurde dann durch dynastische und politische Verbindungen von der iberischen Halbinsel nach Italien gebracht.

TC: Du bist sowohl in der Musikwelt des Barocks wie auch der Renaissance zu Hause. Die Renaissancemusiker:innen werden öfter als Kenner der Musikgeschichte wahrgenommen, als Musikforscher, die mehrere Instrumente beherrschen und sich um die musikalische Aufbereitung ihrer Stücke bemühen. Ist diese Unterscheidung typisch oder eher die Ausnahme?

CR: Ich hoffe, dass meine Kolleginnen und Kollegen, die sich mit in der barocker Aufführungspraxis beschäftigen, auf diese Fähigkeiten genauso viel Wert legen wie die Renaissancemusiker:innen! Ich denke, dass wir hier in Basel das Glück haben, dass die Ausbildung an der Schola Cantorum sehr viel Gewicht auf Forschung, Arbeit mit Quellen und eigene Editionen legt … Diese Dinge sollten die Grundlage jeder Arbeit in der Aufführungspraxis sein, egal in welcher Epoche der Musik. Der Unterschied besteht darin, dass es bei der Musik des Mittelalters und der Renaissance oft viel Hintergrundarbeit und Vorbereitung erfordert, um ein Stück auf die Konzertbühne zu bringen, während es bei späterem Repertoire einfach sein kann, online zu gehen und eine Edition herunterzuladen, vielleicht ohne deren Qualität zu prüfen. Die Art der Aufführung von Renaissancemusik erfordert also eine grosse Investition des Interpreten, aber für späteres Repertoire ist es genau so wichtig, immer wieder zu den Quellen zurückzugehen und zu fragen, was wir tun und warum.

TC: Oft fehlen den Mittelalter- oder Renaissance-Musiker:innen verlässliche Quellen für ihr Spiel oder für ihre Spieltechnik. Sind die Bilder und Gemälde jener Epochen brauchbare oder gar willkommene Ratgeber für eure Kunst?

CR: Ja, natürlich, aber es ist auch wichtig, ein Bild kritisch lesen zu lernen: Was will der Maler hier zeigen? Hat es eine politische, religiöse oder allegorische Bedeutung? Handelt es sich bei den abgebildeten Personen um Musiker:innen oder um Studiomodelle, die mit Instrumenten posieren? Wie bei jedem Quellenmaterial, müssen wir lernen, analytisch zu denken und die Beweise wissenschaftlich zu bewerten.

TC: Eine meiner Lieblingsfragen dreht sich um die heutige Rezeption der Renaissancemusik. Die Werke der Barockzeit erfreuen sich seit einigen Jahrzehnten in Konzerten und auf den Opernbühnen einer grossen Beliebtheit, demgegenüber kämpft die überaus reiche und vielfältige Renaissancemusik noch weitgehend in einer medialen Nische. Stehen wir da vor einem Umbruch oder einem Aufbruch?

CR: Für mich ist das eine interessante Frage, denn ich bin in Grossbritannien aufgewachsen. Dort ist die Musik der Renaissance dank der anglikanischen Chortradition nach wie vor ein Teil unseres musikalischen Lebens. Jeder Kirchenchor ist mit Polyphonie vertraut und singt Werke von Tallis und Byrd und anderen. Aber der Einfluss der Chortradition kommt dem Verständnis von Renaissancemusik nicht unbedingt zugute. Die ungebrochene Tradition hat uns eine bestimmte Klangwelt verkauft, die mehr mit den Jahrhunderten dazwischen zu tun hat als mit der Art und Weise, wie diese Musik ursprünglich aufgeführt wurde.

Ich glaube, wir befinden uns an einem Wendepunkt. Es ist wichtig und grossartig, dass so viele Musiker zu den Quellen zurückkehren und Techniken wie Intavolierung, Improvisation, Selbstbegleitung, Ensemblegesang, Solmisation erforschen – es wird interessant sein zu beobachten, wie sich das auf die Rezeption der Renaissancemusik in unserer heutigen Musikkultur auswirkt.

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Kolumne

Martin Kirnbauer

«Ich bin dabei!» – Tiere & Creaturen laden ein
Kolumne von Prof. Martin Kirnbauer

Pfauenschwanz, Katzenpfote, Kranichschnabel, Eselskrone und Jägerhorn (hoppla, das gehört nicht ganz dazu, oder?) – vielfältig sind die Namen von Musikstücken der Renaissance, die auf «Tierisches» verweisen.

Nun, Tiere müssen auch sonst viel aushalten, wenn Musik gemacht wird, nämlich buchstäblich Haut und Haare und noch viel mehr hergeben, damit Musikinstrumente gebaut werden können (für Paukenfelle, Bogenhaar, Saiten usw.).

Ja, selbst bei der Namensgebung der Instrumente stehen oftmals Tiere Pate: so setzt sich etwa die Posaune etymologisch aus den lateinischen Wörtern für Rind (bos) und für singen (canere) zusammen.

Anders gesagt, auch Musik lädt dazu ein, über die innige Beziehung zwischen Menschen und Tieren nachzudenken, und dies auf eine gut verdauliche Art und Weise. Denn keine Angst, bei «Tiere & Creaturen laden ein» handelt sich um ein veganes Konzerterlebnis.

Und als Vegetarier jedenfalls freue ich mich auf das tierisch inspirierte Programm.

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Programm

230619 Programmheft Web Juni Korr

« Programm »
Orpheus und die Tiere
1. N – Firminus Caron (fl. 1460–1475) «Adieu Fortune»; Glog 272
2. Der Ratten Schwanz – anonym; Glog 113
3. Die Katzenpfote – anonym; Glog 13
4. Der Natter Schwanz – anonym; Glog 25
5. Die Eselkrone – anonym; Glog 147
* * *
6. Ich kam ains mals czu ainem tag (Osterweise, Nr. 115) – Michel
Beheim (c1416–c1474); Heidelberg, Universitätsbibliothek, Cod. pal.
germ. 312, Melodie: fol. 123v–124r, Text: fol. 45r–46v

Alle Vögel in der Luft
7.–9. Im Maien – Ludwig Senfl (c1490–1543), Ott 1534
10. Wohl kumbt der Mai – Hans Newsidler (1509–1563); Hans
Newsidler: Ein Newgeordent kuenstlich Lautenbuch. Nürnberg:
Johannes Petreius, 1536
* * *
11. Hoho lieber Hans – Georg Forster (1510–1568); FTL Teil II
12. Den besten Vogel, den ich weiß – Georg Forster; FTL Teil II
13. Presulem sanctissimum – Georg Forster, FTL Teil II
* * *
14. Der Pfauen Schwanz – Paulus de Broda; Glog 22
15. Der Kranich Schnabel – anonym; Glog 137
16. Der Seiden Schwanz – Firminius Caron; Glog 8
17. Der Pfauen Schwanz – anonym; Glog 208

* * *
18. Ich armes Käuzlein kleine – Caspar Othmayr (1515–1553); FTL
Teil III
19. Ich armes Käuzlein kleine – Ludwig Senfl; FTL Teil III
20. Ich armes Käuzlein kleine – Jobst von Brandt (1517–1570); FTL
Teil III
* * *
21. Der Gutzgauch auf dem Zaune saß – Lorenz Lemlin (1495–1549);
FTL Teil II

Auf der Jagd
22. Das Jeger Horn – anonym; Glog 132
23. Der Fuchs Schwanz – anonym, Glog 24
24. Der Hund – Heinrich Isaac (c1450–1517)
Trium vocum carmina. Nürnberg: Hieronymus Formschneider,
1538
25. Der Hund mir vor dem licht umgeht – anonym; FTL Teil I
* * *
26. Es jagt ein Jäger vor dem Holz – anonym; FTL Teil II
* * *
27. Es taget vor dem Walde – Ludwig Senfl; Ott 1544
28. Es taget vor dem Walde/Kein Adler in der Welt – Arnold von
Bruck (c1500–1554); Ott 1534
29. Ach Elslein liebes Elselein / Es taget vor dem Walde – Ludwig
Senfl; Ott 1544
30. Ach Elslein liebes Elselein / Es taget vor dem Walde / Wann
ich des Morgens – Ludwig Senfl
Basel, Universitätsbibliothek, F X 1–4
* * *
31. Wohlauf, wohlauf, Jung und Alt – Ludwig Senfl; FTL Teil II

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