Du Fay

A cappella!
So 31.07.22

Barfüsserkirche 
Historisches Museum Basel

Du Fay - A cappella!

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V

asilissa ergo gaude – mit diesen Worten beginnt die früheste Motette des burgundischen Komponisten Guillaume Du Fay (Dufay).
Doch «Vasilissa» (oder «Basilea») ist ein vieldeutiges Wort und bedeutet im Griechischen «Königin»: Das Werk war der angehenden Königin Cleofa aus dem Hause der Malatesta von Pesaro gewidmet. Mit der Erstaufführung anlässlich ihrer Vermählung wurde sie nach Konstantinopel verabschiedet.

So wie diese lassen sich die meisten von Du Fays Motetten mit einem ganz bestimmten Anlass verbinden. Hier weht der Geist der Frührenaissance durch die anspruchsvollen Konstrukte der Spätgotik, interpretiert durch ein A-cappella-Gesangsteam von ReRenaissance.

Gesang: Tessa Roos (Leitung), Hanna Marti, Loïc Paulin, Simon MacHale, Jedediah Allen (Koordination: Marc Lewon)

Illustration von Jean le Tavernier «Die Belagerung von Konstantinopel, 1453» aus Voyage d’Outre-Mer, 1455; Paris, Bibliothèque nationale, MS f. fr. 9087, fol. 207r

Programm

Guillaume Du Fay (1397–1474) 

Du Fay, die Malatestas und Konstantinopel

1. Apostolo glorioso – Cum tua doctrina – Andreas, Christi famulus
Bologna, Civico Museo Bibliografico Musicale, MS Q15 («Q15»), fols. 270v–271r

2. Gaude Virgo, mater Christi
München, Bayerische Staatsbibliothek, Clm 14274 («Codex Sankt Emmeram»), fols. 5v–7r

3. Vasilissa, ergo gaude – Concupivit rex
Oxford, Bodleian Library, MS Canon. Misc. 213 («Oxford Codex»), fols. 132v–133r

 

… und Sancta Maria

4. Flos florum, fons hortorum
Modena, Biblioteca Estense, MS α.X.1.11 («Modena B»), fols. 59v–60r

5. Ave, maris stella (Fauxbourdon-Hymnus)
Modena B, fols. 7v–8r

6. O beate Sebastiane
Q15, fols. 314v–315r

7. Mon chier amy, qu’avés vous empensé (Ballade)
Oxford Codex, fol. 134v

 

… und Mater Ecclesia

8. Nuper rosarum flores – Terribilis est locus iste
Trient, Museo Provinciale d’Arte, Castello del Buonconsiglio, MS 92 («Trent 92»), fols. 21v–23r

9. Lamentatio Sanctae Matris Ecclesiae Constantinopolitanae
Montecassino, Biblioteca dell’Abbazia, MS 871, fols. 150v–151r

10. Ecclesiae militantis – Sanctorum arbitrio – Bella canunt gentes – Gabriel – Ecce nomen domini
Trient, Museo Provinciale d’Arte, Castello del Buonconsiglio, MS 87 («Trent 87»), fols. 85v–86r & 95v–96r

Kolumne

«Ich bin dabei … » von David Fallows zu «Du Fay», Juli 2022

In letzter Zeit habe ich mich mit einigen Dinge neu beschäftigt, die mir schon viel zu lange als geklärt erschienen waren. Es begann damit, dass ich drei englische Weihnachtslieder entdeckte, die eindeutig für die Feierlichkeiten in Troyes im Jahr 1420 komponiert wurden, als Heinrich V. nicht nur die Tochter Ludwigs VI. heiratete, sondern tatsächlich zum rechtmässigen Nachfolger auf dem französischen Thron ernannt wurde, nachdem Ludwig seinen einzigen überlebenden Sohn enterbt hatte. Auf den ersten Blick sind sie sehr schlicht: zweistimmig, aber mit lateinischen Texten, die nicht nur Heinrichs englisches Gefolge, sondern auch die französischen Adligen ansprechen sollten, die diese aussergewöhnliche Wendung der Ereignisse unterstützten. (Da Heinrich V. einige Wochen vor Ludwig VI. starb, erbte er den französischen Thron nicht, obwohl sein kleiner Sohn ordnungsgemäss zum französischen König gesalbt wurde, wie wenig es ihm im Endeffekt auch brachte.)

Aber Heinrich hatte seine gesamte Kapelle in Frankreich dabei, zusammen mit all seinen Instrumentalisten sowie seinen festlichen Trompetern und Trommlern. Ich glaube nicht mehr, dass diese öffentlichen Zurschaustellungen der Geschlossenheit zwischen England und Frankreich aus schlichten Liedern für zwei Sänger bestanden. Viel wahrscheinlicher ist, dass die harmlos aussehenden Noten mit all den gewaltigen musikalischen Mitteln, die Heinrich V. zur Verfügung standen, ausgeschmückt wurden. Wie könnte etwas anderes für einen solchen Anlass angemessen gewesen sein?

So komme ich nun dazu, auch die Motetten von Du Fay neu zu überdenken – sicherlich sind sie schon auf den ersten Blick weitaus aufwändiger als diese englischen Weihnachtslieder, aber seit einem halben Jahrhundert werden sie fast immer mit kleinen Ensembles und hauptsächlich von Solosängern aufgeführt, mit wenig oder gar keiner instrumentalen Beteiligung. Ich höre sie wirklich gerne auf diese Weise: Es scheint mir, dass die Aufführungen von Du Fay und seinen Zeitgenossen heutzutage viel überzeugender sind als zu der Zeit, als Chöre und alle Arten von Instrumenten in den Mix geworfen wurden.

Aber als die Malatesta-Familie feierte, dass eine ihrer Töchter tatsächlich Kaiserin wurde, als Papst Eugenius IV. die grossen Ereignisse seiner Herrschaft und ganz besonder die glorreiche Einweihung des Doms von Florenz feierte, waren sie da mit vier oder fünf Sängern zufrieden? Für das letztgenannte Ereignis gibt es zwar einen Augenzeugenbericht von Giannozzo Manetti, doch obwohl er es als ein glorreiches Ereignis beschreibt, ist er mit den Details enttäuschend schmallippig. Die Sängerinnen und Sänger, die wir hören werden, werden sicherlich glanzvolle Darbietungen liefern, und ich freue mich in erster Linie aus diesem Grund auf die Veranstaltung. Aber in diesen Tagen werde ich auch andere Möglichkeiten in Betracht ziehen, diese Musik zu hören. Ich werde mich fragen, ob die intime Umgebung der Barfüsserkirche wirklich das ist, was Du Fay im Sinn hatte. Und diese Fragen gehören immer zu den interessantesten und herausforderndsten für jeden Musikliebhaber.

(Übersetzung: Marc Lewon)

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Interview

Hanna Marti – Sängerin, Lautenistin und Harfenistin

Thomas Christ (TC): Wir freuen uns sehr, in unserer internationalen Musiker:innen-Reihe heute eine experimentier- und forschungsfreudige Baslerin zum Gespräch einzuladen. An der Schola Cantorum in Basel spricht man vornehmlich Englisch, Spanisch, Französisch und vielleicht auch Deutsch, waren sie als Schweizerin eher eine Exotin oder fühlt man sich durch das gemeinsame musikalische Schaffen eher als Teil einer supranationalen Wolke?

Hanna Marti (HM): Die internationale Szene an der Schola war für mich eine grosse Bereicherung. Tatsächlich waren wir wenige Schweizer*innen, als ich dort studiert habe, aber dadurch, dass ich damals als zwanzigjährige Studentin zum ersten Mal mit einem Musikhochschul-Kontext in Berührung kam, fühlte sich die Erfahrung eher wie ein Ankommen unter Gleichgesinnten an.

Testbeschriftung

Es war nun nicht mehr seltsam, sondern die Praxis von allen, täglich der Musik so viel Zeit und Energie zu schenken. Dazu kommt, dass die Sprache der Musik grösstenteils universell menschlich ist und die Herkunft tatsächlich in den Hintergrund rückt.

TC: Wie kommt man von der E-Gitarre zur Mittelalterharfe? Vom Rock zum Barock können durchaus, vielleicht mehr als zur Klassik, rhythmische und melodische Brücken geschlagen werden, aber zu den intimen Klängen des Mittelalters scheint der Weg etwas weiter, oder täusche ich mich da?

HM: Für mich ist da kein unüberwindbarer Gegensatz, mich interessiert auch an der Mittelaltermusik immer die menschliche Erfahrung, das, was uns Menschen heute mit den Menschen des Mittelalters direkt verbindet: Wir leben dieselben Emotionen, oftmals sogar dieselben inneren Konflikte, nur sozusagen transponiert in die Kultur von heute. Auch in der Rock-Musik, bzw. der Musik, die ich auf der E-Gitarre als Teenager komponiert und improvisiert habe, interessieren mich nicht die grossen pompösen Gesten, sondern wirklich menschlicher Ausdruck. Diese Essenz verbindet für mich alle Musikkulturen, aber braucht viel Ehrlichkeit. Laute, elektronische, dissonante oder gemäss den klassischen Kulturnormen schräge Musik kann sehr intim berührend sein, genauso wie klassische oder Alte Musik zwar wunderschön und harmonisch, aber völlig oberflächlich bleiben kann.

TC: Sie widmen sich mit grossem Erfolg der Wiedererweckung verstummter Lieder aus vergangenen Epochen, wohlverstanden ohne entsprechendes Notenmaterial – welches sind Ihre Inspirationsquellen? Welche Grenzen sind Ihnen gesetzt oder setzen Sie sich selbst?

HM: Oftmals sind Fragmente überliefert vom Stück, das ich re-kreieren will, oder dann von der Musikkultur, aus der dieses Stück stammt. Aus diesem Tonmaterial schaffe ich mir eine Art Kompendium von musikalischen Gesten, Phrasen – eine Art Vokabular. Dieses wende ich dann auf mein Stück an, um so eine plausible Re-Kreation zu finden. Es ist folglich ein Balanceakt aus Improvisation, Komposition und Rekonstruktion, in den durchaus auch meine eigenen kreativen Intuitionen hineinspielen sollen. Inspirierend sind jeweils auch die Instrumente, die mich begleiten und ihre ganz eigene Ton- und Klangsprache einbringen: Es beeinflusst auch meinen Gesang, ob eine Harfe oder eine Flöte begleitet. Diese Erklärung ist etwas vereinfacht, ich erkläre meinen Prozess zum Beispiel auf meiner Webseite oder in Youtube-Videos eingehender … oder Sie besuchen einmal einen meiner Workshops, zum Beispiel nächsten September in den Dales in Yorkshire! 🙂

Grenzen setze ich mir wenige: Nach einem intensiven musikwissenschaftlich geprägten Studium ging es für mich vor allem darum, meinem erworbenen Wissen zu vertrauen und den Weg zurück zur unmittelbaren Inspiration zu finden und mir nun zu erlauben, diese Inspiration mit meinem Wissen zu verbinden, ihr ebenfalls ihre Wichtigkeit im kreativen Prozess zuzugestehen. Ich bin mir sicher, mittelalterliche Musiker:innen haben ihre Inspiration und musikalische Intuition benutzt! Wenn ich mich also der schöpferischen Welt dieser Menschen annähern will, muss ich den Musikwissenschaftlerinnen-Hut in der Garderobe lassen …

TC: Akustisch ist uns bekanntlich wenig überliefert worden, hingegen ist das verfügbare Bildmaterial aus dem Mittelalter, wie auch aus der Antike äusserst reich. Helfen diese farbigen, ikonografischen Eindrücke für die akustische Wiederbelebung Ihrer Projekte?

HM: Ich denke, diese Ikonografien helfen besonders bei der Instrumentenkunde oder bei Spekulationen, welche Instrumenten-Ensembles existierten … da sie oftmals auch symbolisch gedacht sind, bin ich vorsichtig mit ihrer direkten Interpretation für die Musik. Bei meiner Inszenierung des Ordo Virtutum von Hildegard von Bingen habe ich mich eingehender mit Gestik in mittelalterlichen Abbildungen beschäftigt. Meine Instrumente sind basiert auf Bildmaterial aus der jeweiligen Zeit, aber ansonsten arbeite ich persönlich wenig mit Bildquellen.

TC: Und zum Schluss meine «Gretchenfrage» zur Attraktivität der Frühen Musik in der Gegenwart. Die Barockmusik erlebt bekanntlich seit einigen Jahrzehnten einen regelrechten Boom – welche Chancen hat die Vermittlung der intimeren Musik der Renaissance oder des Mittelalters oder wo liegen ihre Grenzen?

HM: Ich persönlich glaube zu spüren, dass viele Menschen etwas reizüberflutet sind. In einer Welt, in der wir permanent beschallt und bespielt werden, in der gelobt wird, was laut, bunt und knallig ist und hoffentlich durch ein möglichst radikales Auftreten viele Klicks produziert, tendieren wir dazu, unsere Ohren zu verschliessen – das hat mit Selbstschutz zu tun und ist verständlich. Die Musik, die ich kreiere, alleine oder in Ensembles wie Moirai (www.moirai-ensemble.com), ist nicht einfach zu hören: Man muss sich ihr zuwenden, die Übersetzungen dieser alten seltsamen Sprachen mitlesen, sich ihr hingeben. Die Stücke sind oftmals lang und erzählen Geschichten voller Symbolik. Die Musik verlangt dem Publikum etwas ab, aber ich glaube, dass meine Zuhörer:innen oftmals instinktiv spüren, dass ihnen für ihren Einsatz auch etwas ganz Besonderes, Persönliches und Intimes zurückgegeben wird.

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Audio

Video

Du Fay Laid Bare

Vlog Juli 2022 zu «Du Fay» – A cappella!· Script and interviews: Didier Samson; Thumbnail, cutting  and editing: Grace Newcombe

Du Fay – A cappella!

Konzertmitschnitt Juli 2022

Bilder

2022

September

Über kurz oder lang

Consort 1547
So 25.09.22 17:30 Thema 18:15 Konzert

Barfüsserkirche
Historisches Museum Basel

Oktober

Frisch gezwickt

Ein Basler Lautenparcours
So 30.10.22 16–17/18–19h Kaffee 17–18h

Klein- und Grossbasel
Haus zum Hohen Dolder

November

Transeamus: nach Bethlehem!

Spanische Vokalpolyphonie
So 27.11.22 17:30 Thema 18:15 Konzert

Barfüsserkirche
Historisches Museum Basel

Dezember

Noël normand St. Ursanne

Rouen 1474
Sa 17.12.22 20:00 concert

St. Ursanne
Collégiale

Noël normand Zürich

Rouen 1474
So 18.12.22 11:00 Konzert

Zürich
Wasserkirche

Noël normand Basel

Rouen 1474
So 18.12.22 17:30 Thema 18:15 Konzert

Barfüsserkirche
Historisches Museum Basel

Noël normand Berne

Rouen 1474
Mo 19.12.22 19:30 Concert

Berne
Eglise française

Noël normand Liestal

Rouen 1474
Di 20.12.22 19:30 Konzert

Liestal
Stadtkirche

Noël normand Brugg

Rouen 1474
Mi 21.12.22 19:30 Konzert

Brugg
Stadtkirche

Noël normand Biel/Bienne

Rouen 1474
Do 22.12.22 19:30 Concert

Biel/Bienne
Stadtkirche

2023

Januar

31 statt 12

Grenzgänge mit Vicentino
So 29.01.23 Thema 17:30 Konzert 18:15

Barfüsserkirche
Historisches Museum Basel

Februar

Canti C

Im Labyrinth der Revolution
So 26.02.23 Talk 17:30 Konzert 18:15

Barfüsserkirche Historisches Museum Basel