Team ReRenaissance

Das monatliche Interview März 2020

Katharina Haun (Zink)

Friedhelm Lotz, ein Frühe Musik-Fan der ersten Stunde und als Hobbymusiker seit den 1960er Jahren ein Veteran in der Sache, traf sich mit Katharina Haun, der Zinkenistin des ersten ReRenaissance-Konzerts.

Friedhelm Lotz: Wie bist du zur Musik als Beruf gekommen?

Katharina Haun: Ich bin nicht jemand, die sich früh entschieden hat Musikerin zu werden. Vieles ist in meiner Kindheit einfach so passiert. Ich komme nicht aus einer Musiker-Familie, bin aber gewissermassen hinein- gerutscht: Ich ging an ein musisches Gymnasium und habe, wie viele Kinder, mit der Blockflöte angefangen. Im Gegensatz zu den meisten, bin ich dann aber dabei geblieben. Durch gute Lehrer hat sich meine Liebe zur Musik entwickelt und ich habe dadurch die Blockflöte als professionelles Instrument kennenlernen können.

Friedhelm Lotz: Wie bist du zur Musik als Beruf gekommen?

Sebastian Virdung: Verschiedene Blasinstrumente, darunter der gerade Zink (Musica getutscht, Basel 1511)

Lotz: Katharina, was hat dich auf den Zink aufmerksam gemacht?

Haun: Schon im Laufe meines Bachelorstudiums in meiner Heimatstadt Graz habe ich den Zink entdeckt. Das ging einfach so durchs Lesen und durch ein Konzert, in dem meine Mutter im Chor gesungen hat. Dort habe ich ihn gehört und er hat mich einfach fasziniert. Da habe ich angefangen zu suchen und auch zu sehen, dass das eigentlich im 16. und 17. Jahrhundert ein total wichtiges Instrument war. Mich fasziniert, dass was über einen Zeitraum von 200 Jahren so wichtig war, heute so wenig gekannt wird. Diese Suche hat mich weitergebracht und ich habe während meinem Blockflöten-Master am Mozarteum in Salzburg, den Zink immer als grosse Faszination empfunden. Ich hatte dann dort auch das Glück, mit dem Zink beginnen zu können, um danach an der Schola Cantorum in Basel in ganz andere Tiefen des Zinkspiels und der alten Musik einzutauchen.

Lotz: Der Zink hat ja den Ruf eines Instrumentes, das schwer zu spielen und zu erlernen ist. Hast du das auch so empfunden?

Haun: Kaum ein Zinkenist hat als Kind mit diesem Instrument begonnen. Wir alle sind irgendwie über Umwege dazu gekommen und bringen Erfahrungen der Vorgängerinstrumente mit. Der Zink fordert, dass man sich immer mit ihm beschäftigt. Das Gefährlichste sind lange Pausen, aber das ist für mich überhaupt kein Problem: ich komme aus einer sportlichen Familie, in der es immer wichtig war „dran zu bleiben“ und durchzuhalten. Ich übe auch auf Reisen mindestens eine Stunde täglich und das wurde mit der Zeit so selbstverständlich für mich wie Zähneputzen. Besondere Schwierigkeiten, z.B. mit dem kleinen Mundstück,  entstehen meiner Meinung  nach, wenn man nicht genügend Disziplin aufbringt, um sich wirklich täglich dran zu setzen.

Lotz: Man würde meinen, der Zink wäre eine Kreuzung zwischen einer Trompete (Ansatz) und einer Blockflöte (Fingerlöcher). Eine (eher rhetorische) Frage wäre, ob es genügt diese beiden Instrumente zu beherrschen, um Zink spielen zu können. Was meinst du dazu?

Haun: Für die Trompete kann ich nicht sprechen, aber es scheint, Trompeter und Posaunisten hätten wohl Schwierigkeiten mit der Grösse des Mundstücks. Die Intonation am Zink bringt ganz andere Schwierigkeiten mit sich als auf der Blockflöte: Beim Zink ist eine Vorstellung vom Ton ganz entscheidend für die Steuerung der Intonation; die Finger sind natürlich auch wichtig, aber in erster Linie, um den Ton zu fokussieren. Man passt zu seinem Instrument, der Zink und ich passen gut zusammen. Ich könnte mir kaum vorstellen, ein Streichinstrument zu spielen.

Lotz: Auch bei der Trompete ist die Tonvorstellung wichtig für die Intonation, aber nicht in dem Masse wie beim Zink. Die starke Beeinflussbarkeit des Tones durch der Vorstellung ist wohl auch entscheidend für die breite Einsetzbarkeit des Zinks, von der intimen Zwiesprache mit dem Gesang im kleinen Raum, bis hin zur brillanten, hellen, alles übertönenden Präsenz im grossen Konzertsaal.

Haun: Das ist tatsächlich die Besonderheit des Zinks: Diese Flexibilität hebt ihn von den meisten anderen Instrumenten seiner Zeit ab, bei denen man einfach nicht heraus kann aus einer schmalen dynamischen Bandbreite. Gemeinsam mit den Posaunen wurde der Zink auch von Anfang an für die unterschiedlichsten Kontexte verwendet und das finde ich extrem spannend. Kürzlich habe ich wieder mit einer Alta Capella gespielt, also mit wirklich lauten Instrumenten der Renaissance: Schalmeien, Posaunen, Zugtrompeten, usw. Dazu musste  ich mich  vorbereiten und umstellen, auch mit einem anderen  Mundstück, das eine deutlich hellere Klangfarbe hatte, zu spielen. Auf  jeden Fall muss man dafür eine andere Technik anwenden, gut Bescheid wissen, was die Dinge sind, die den Klang ausmachen und wie der Klang und der Atem zu führen sind. Ich übe das auch für mich alleine: laut und sehr klar spielen, dazu sehr viel mit Stimmgerät und das nicht nur für die Alta Capella, sondern z.B. auch für Musik von Biber oder Muffat, wo man mit dem Cornettino (hoher Zink) als höchstem Instrument des Ensembles spielen muss; und dann genau das Gegenteil, z.B. bei einer Bovicelli-Diminution, wo es wichtig ist, einen flexiblen, weichen und warmen Klang zu haben.

Lotz: Du erwähnst gerade die Geschichte des Zinks. Deine Masterarbeit in der Schola hatte damit zu tun? Um welches Thema geht es da?

Haun: Ich untersuchte die Entwicklung des Zinks zwischen 1450 und 1530. In der Ikonographie um 1450 taucht der Zink erstmals als etabliertes, in ein Ensemble integrierbares Instrument auf. Frühere Bilder suggerieren, dass Griffloch-Hörner, wie sie als Signalinstrumente oder zum Eintreiben von Viehherden benutzt wurden, Vorläufer des Zinks waren; hierzu fehlen allerdings eindeutige Nachweise. Um 1520/30 beginnt die Zeit, in der das Instrument sehr populär wurde, in allen möglichen musikalischen Kontexten auftauchte und viel darüber geschrieben wurde. Diese Periode, in der sich der Zink zu einem populären Instrument entwickelte, ist sehr spannend. Ich habe mich weniger auf die vorhandene Ikonographie gestützt, sondern mehr auf schriftliche Berichte und Beschreibungen aus diversen Ländern. Es gibt recht umfangreiche Informationen, z. B. lässt ein Eintrag vermuten, dass das deutsche Wort „Zink“, anstatt dem allgemein üblichen „Cornetto“, erstmals in Basel um 1474 auftauchte

Lotz: Wie hältst du dich fit?

Haun: Ich treibe viel Sport, was für mich sehr wichtig ist und der Kondition für das Musizieren sicher nicht schadet. Gestern war ich z. B. Snowboarden.

Lotz: Reisen?

Haun: Ich reise sehr gerne, wenn möglich mit meinem Mann und in die freie Natur. Als freischaffende Musiker ist dies nicht  immer leicht  zu schaffen.  Wir versuchen, gemeinsame Zeiten frühzeitig zu reservieren.

Lotz: Andere Musik, andere Tätigkeiten?

Haun: In den anderen Hochschulen hatte man mir klargemacht, ich müsse mich zu 100 % nur auf eine Sache konzentrieren, aber das liegt mir nicht. Hier in Basel konnte ich erstmals aufleben und geniesse die Vielfalt. Auch wenn ich mich selbst eindeutig für Renaissance und Barock als Zinkenistin und Blockflötistin entschieden habe, finde ich die Beschäftigung auch mit anderer Musik sehr spannend, schön und wichtig. Ich bin Leiterin des Kammerchores Laufental-Thierstein und seit kurzem die Chorschulleiterin der Basler Knabenkantorei. An Wochenenden, in den Ferien oder wenn ich so dazwischen noch Zeit habe, bin ich auch  Reiseleiterin  für  Opernreisen  und  dann beschäftige ich mich natürlich mit ganz anderer Musik und das finde ich sehr bereichernd.

Vielen Dank, Katharina, für das interessante Gespräch. Ich wünsche dir viel Freude im ersten Konzert von ReRenaissance und Erfolg für deine weitere Laufbahn!

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