m späten 16. Jahrhundert erlebten die Doppelrohrblattinstrumente eine kaum vorstellbare Blütezeit, die Michael Praetorius in seinem berühmten Theatrum Instrumentorum für die Nachwelt festhielt.
Einst liessen Schalmei und Pommer die Strassen, Paläste und Tanzsäle der Renaissance erklingen. Ihre leisere «Schwester», die Dolzaina, mischte sich ebenfalls darunter – zarter, doch nicht minder anmutig. Doch zu Beginn des 16. Jahrhunderts setzte eine Welle von Kreativität und Experimentierfreude bei den Instrumentenbauern ein: Sie schufen nicht nur grössere Varianten der bekannten Instrumente, sondern wagten sich auch an kühne Neuerfindungen, die sie jeweils in «Familien» von Instrumenten verschiedener Längen bauten, um mehrstimmige Musik darauf spielbar zu machen. So entstanden Dulzian, Rankett und Krummhorn – um nur einige zu nennen.
All diese faszinierenden Klänge erwarten Sie – ein lebendiges Eintauchen in die farbenreiche Welt der Renaissance.
Musiker:innen
Ann Allen
Sopran-Pommer, Sopran- & Alt-Dulzian, Tenor-Dolzaina, Alt-Bassanello, Tenor-Sordun, Bass-Krumhorn, Schalmei; Leitung
Adrien Reboisson
Alt-Pommer, Alt-Dulzian, Tenor-Dolzaina, Tenor-Bassanello, Alt-Rankett, Alt-Krummhorn
Silke Gwendolyn Schulze
Tenor-Pommer, Tenor-Dulzian, Alt-Dolzaina, Grossbass-Bassanello, Bass-Rankett, Tenor-Krummhorn, Alt-Pommer
Maruša Brezavšček
Bass-Pommer, Bass-Dulzian, Tenor-Dolzaina, Bass-Bassanello, Tenor-Rankett, Tenor-Krummhorn
Melissa Sandel
Bass-Pommer, Bass- & Tenor-Dulzian, Tenor-Dolzaina, Tenor-Rankett, Tenor-Krummhorn
Eintritt frei – Kollekte
Syntagma Musicum, Band II (Theatrum Instrumentorum), Wolfenbüttel: Michael Praetorius, 1620, Titelblatt / Digitalisat: SLUB Dresden
Michael Praetorius (c1571–1621)
ReRenaissance Interview mit der Flötistin, Dulzianspielerin und Fagottistin Melissa Sandel, Oktober 2025
ReRenaissance, das Forum für Frühe Musik in Basel, hat die Ehre und das Vergnügen, für sein Oktoberinterview 2025 der Flötistin und Dulzianspielerin Melissa Sandel fünf Fragen zur alten Musikszene zu stellen. Melissa hat unser diesjähriges Festival im September in einer eindrücklichen Stadtpfeifer-Formation miteröffnet.
TC: Liebe Melissa, vielleicht erzählst du uns zu Beginn, wie du den Weg von der Blockflöte zu den historischen Fagottinstrumenten gefunden hast.
MS: Als ich mein Studium an der Schola Cantorum Basiliensis begann, wollte ich mir einen Kindheitstraum erfüllen und endlich auch Oboe lernen. Autodidaktisch kam ich wegen des Ansatzes mit dem ungewohnten Doppelrohrblatt schnell an meine Grenzen. Da lud mich Donna Agrell ein, in die Fagottklasse hineinzuschnuppern und ab dann war es entschieden: Die tiefen Klänge, die so eine andere Rolle in der Musik haben, haben mich gepackt.
Und nun schliesst sich der Kreis, indem ich über das Fagott meine Liebe für die höheren Dulzianinstrumente gefunden habe.
TC: Haben jene Stadtpfeifer-Formationen einen höfischen Ursprung oder gehören sie eher in die Szene der Volksfeste und der bunten Stadtmärkte des Mittelalters und der Renaissance? Oder beides?
MS: Die Stadtpfeifertradition ist sowohl im Höfischen wie auch im Städtischen über viele Jahrhunderte hinweg, beginnend im 14. Jahrhundert, sehr gut dokumentiert.
TC: Die Renaissance Musik vermittelt mit den Lauten und Gamben, Harfen, aber auch mit den frühen Tasteninstrumenten im Gegensatz zum Barock eher eine leise, intime und sanfte Klangwelt – demgegenüber treten die Pfeifer unseres Oktoberkonzertes laut und weit hörbar auf. Sprechen wir von einem unterschiedlichen Adressatenkreis?
MS: Stellen Sie sich die gleichen Adressaten vor, aber in verschiedenen Situationen des Alltags: In der Kirche, beim Fest, auf dem Markt… Wo Sie heute möglicherweise das Radio anstellen würden, kamen die Menschen – im besten Fall – in den Genuss analoger Musik. Nicht immer, aber oft von den ortsansässigen Stadtpfeiffern. Ob deren Instrumentarium aber wirklich auch solche ausgefallenen Instrumente umfassten, wie jene, die im Oktober zu hören sein werden, bleibt offen. Denn solche raren Stücke waren im 16. Jahrhundert wohl nur an den prachtvollsten Höfen zu finden. Ein Grund mehr, die Chance zu nutzen, sich diese seltenen Instrumente anhören zu können.
TC: Die Popularität der Barockmusik erlebt seit vielen Jahrzehnten einen medialen und ‘theatralen’ Höhenflug, während die Musik vor 1600 von der breiten Öffentlichkeit noch wenig Beachtung findet. Welche Prognosen stellst du der Vermittlung der Frühen Musik? Welchen Beitrag könnten Schulen und Klangmedien leisten?
MS: Mit der ReRenaissance Konzertreihe sind wir in Basel natürlich schon privilegiert. Denn durch sie ist die Musik vor 1600 durchaus präsent und es hat sich ein wirklich grosses Publikum mit Interesse an dieser Musik geformt. Ich glaube, dass dieses regelmässige analoge Erleben von Musik, die möglicherweise anfangs fremd und eingestaubt wirken mag, durch keinen Tonträger ersetzt werden kann.
Das ist schon ein ziemlich gutes Rezept: Regelmässige Konzerte, die für ein breites Publikum zugänglich sind, mit wunderbarer, berührender und abwechslungsreicher Musik. So entsteht eine gewisse Selbstverständlichkeit, dass auch diese frühere Musik ihr Existenzrecht in der heutigen Landschaft der alten Musik hat. Nicht nur als einzelner Exkurs innerhalb herkömmlicher Konzertreihen, sondern eben alleinstehend – denn es gibt so vieles zu entdecken.
Ich bin dabei! – David Fallows
Übersetzung: Marc Lewon
Als ich damals, 1969, für Thomas Binkley in München arbeitete, bat er mich, alles über die von Machaut erwähnte «Douçaine» zusammenzusuchen, was ich finden konnte. Mit meinem Dossier im Gepäck fuhr er dann übers Wochenende zum Instrumentenbauer Günther Körber nach Berlin und kam mit vier Instrumenten zurück, die (ungefähr) den Beschreibungen entsprachen, die ich zusammengetragen hatte. Sie funktionierten im Prinzip wie Krummhörner, waren aber gerade und am Ende geschlossen, und obendrein – wie durch Zauberhand – hatten sie nichts von der Instabilität, für die Krummhörner so berüchtigt sind. Also haben wir sie umgehend für eine Platteneinspielung (Musica iberica II) eingesetzt. Was wir zu diesem Zeitpunkt noch nicht wussten (und ich verliess München damals, um in Kalifornien zu studieren, so dass ich die Geschichte nur aus zweiter Hand kenne), war, dass Körber einen zweiten Satz gebaut hatte, den sein Assistent zu einem Kurs für alte Instrumente in Celle mitnahm, der von der Firma Moeck veranstaltet wurde. Die Instrumente kamen dort so gut an, dass Moeck fast sofort eine eigene Reihe produzierte, die sie «Cornamuse» nannten. So werden Instrumente «neu erfunden»: Wenn sie sich als funktional herausstellen, werden sie übernommen …
Die Gruppe um Ann Allen hat nun vor, die gefürchteten Krummhörner zu spielen: Es muss fünfzig Jahre her sein, dass ich eines zuletzt in einem Konzert gehört habe (wahrscheinlich habe ich dabei sogar selbst mitgespielt). Aber ich erinnere mich noch allzu gut daran, wie mühsam es war, sie so einzurichten, dass sie tatsächlich funktionierten und einigermassen stimmten. Praetorius hat in seinem Syntagma Musicum von 1619 auf jeden Fall so viele verschiedene Rohrblattinstrumente aufgeführt und abgebildet, dass wir ein äusserst abwechslungsreiches und lebhaftes Konzert erwarten können.
«Brummen und Blaßen» Programmheft (PDF)
1 Pavane de Spaigne – Pierre-Francisque Caroubel (1556–1611) / Michael Praetorius (1571–1621)
Terpsichore, musarum aoniarum quinta. Darinnen allerley französische Däntze und Lieder […] mit 4. 5. und 6. Stimmen. Wie selbige von den französischen Dantzmeistern in Franckreich gespielet und vor fürstlichen Taffeln auch sonsten in Convivüs zur recreation und Ergötzung gantz wol gebraucht werden können […], Wolfenbüttel: Michael Praetorius, 1612, Nr. 29 & 30
2 Spagnoletta – Michael Praetorius
Terpsichore, Nr. 27 & 28
3 Passameze & Gaillarde – Pierre-Francisque Caroubel
Terpsichore, Nr. 283 & 284
4 Bransle de la Torche – Michael Praetorius
Terpsichore, Nr. 15
5 Fantasie – Giovanni Bassano (1561–1617)
Fantasie a tre voci, per cantar et sonar con ogni sorte d’istrumenti, Venedig: Giacomo Vincenzi & Ricciardo Amadino, 1585, Nr. 8 & 9
6 Io canterei d’amor – Cipriano de Rore (1515–1565), Diminutionen: Giovanni Bassano
Il primo libro de madrigali a quattro voci, Venedig: Antonio Gardano, 1569, Nr. 7 / Motetti, madrigali, et canzoni francese diminuiti, Venedig: Giacomo Vincenti, 1591
Kopie von Friedrich Chrysander: Hamburg, Staats- und Universitätsbibliothek Carl von Ossietzky, Musiksammlung, M B/2488, Nr. 5
7 Volte & Courante – Michael Praetorius
Terpsichore, Nr. 210, 190 & 192
8 Padouana – Johann Hermann Schein (1586–1630)
Banchetto Musicale, Leipzig: Abraham Lamberg und Caspar Kloseman, 1617, Nr. 22
9 Gilotte – Pierre-Francisque Caroubel
Terpsichore, Nr. 1
10 Gavotte 2-6 – Pierre-Francisque Caroubel
Terpsichore, Nr. 1
11 La Rosette – anonym
Terpsichore, Nr. 109
12 La Canarie – Michael Praetorius
Terpsichore, Nr. 31
Syntagma Musicum, Band II (Theatrum Instrumentorum), Wolfenbüttel: Michael Praetorius, 1620, Titelblatt / Digitalisat: SLUB Dresden
Krummhornen, aus: Syntagma Musicum, Band II (Theatrum Instrumentorum), Wolfenbüttel: Michael Praetorius, 1620, Tafel 13 / Digitalisat: SLUB Dresden
Bassanelli und Sordunen, aus: Syntagma Musicum, Band II (Theatrum Instrumentorum), Wolfenbüttel: Michael Praetorius, 1620, Tafel 12 / Digitalisat: SLUB Dresden
Sa Kirche Reigoldswil
So Barfüsserkirche, HMB
Sa Klosterkirche Dornach
So Barfüsserkirche, Basel
Sa Nydeggkirche, Bern
So Barfüsserkirche, HMB
Kirche Reigoldswil &
Barfüsserkirche, Basel
Martinskirche
Basel
Barfüsserkirche
Historisches Museum Basel