Regola Rubertina

Ganassis virtuose Violen
Sa. 25.04.26 So. 26.04.26 18:15 Konzert

Sa Kirche Reigoldswil
So Barfüsserkirche, HMB

Regola Rubertina, Titelblatt. Silvestro Ganassi: Venedig, 1542

2 Konzerte, Reigoldswil & Basel

Venedig 1535
Mit Hilfe des neuen Mediums Druck veröffentlicht Silvestro Ganassi ein detailliertes Buch über das Spielen der Blockflöte.

1542
Nach dem Erfolg des ersten Buches bringt Ganassi eine Anleitung für die Viola d’arco heraus, ein Instrument, das so neu ist, dass sich die Geigenbauer zu diesem Zeitpunkt noch nicht mal auf eine einheitliche Form einigen konnten. In dieser Regola Rubertina und ihrer Fortsetzung Lettione Seconda zeigt er angehenden Viola d’arco-Spielern alles, was sie wissen müssen: von der richtigen Haltung des Instruments über das Stimmen der Saiten und Bünde bis hin zu den Instrumenten, die ein Consort bilden, oder wie man Polyphonie arrangiert oder einen Ricercar komponiert.

Basel 2026
Violen verbinden sich mit Lauten und Flöten für Musik der Meister Josquin, Willaert, Verdelot und anderen.

Sven Schwannberger – Traversflöte, Blockflöte, Laute
Ryosuke Sakamoto – Viola d’arco, Laute
Leonardo Bortolotto – Viola d’arco
Elizabeth Rumsey – Viola d’arco; Leitung

Eintritt frei – Kollekte

Konzert 1: Sa 25. April 2026, 18:15 Uhr
Kirche Reigoldswil, Chilchägerten 14, 4418 Reigoldswil

*Nehmen Sie vor diesem Konzert an einer ReRenaissance-Wanderung in der Region Reigoldswil teil!

Gemeinsame Anreise via Liestal nach Titterten:
15:15 Treffpunkt Basel SBB, Schalterhalle / Ankunft 16:16

Wanderung:
Start 16:20 Uhr ab Titterten, Gemeindehaus
über die Ruine Rifenstein (14. Jh.) nach Reigoldswil
Ankunft bei der Kirche Reigoldswil: ca. 17:45 Uhr

  • Dauer ohne Rast: ca. 1 Stunde
  • Distanz: 3 km
  • Aufstieg: 80 m | Abstieg: 210 m
  • gemütliches Schritttempo
  • kleine aber steile Waldwege; Trittsicherheit nötig
  • Wanderschuhe, Kleidung gemäss Witterung, Wanderstöcke empfohlen

Konzertbeginn: 18:15 Uhr
Reservierte Sitzplätze für unsere Wandervögel

Anmeldung: Bitte melden Sie sich unter info@rerenaissance.ch an.
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Konzert 2:
So 26. April 2026, 18:15 Uhr
Barfüsserkirche, Historisches Museum Basel

Ganassis virtuose Violen – im Haus zum Hohen Dolder

Interview

Bekannter Lautenist, Sänger und Flötist Sven Schwannberger antwortet auf Fragen von Dr. Thomas Christ , April 2026

ReRenaissance hat heute die Ehre und das Vergnügen, mit dem Schola-Dozenten für Improvisation und Aufführungspraxis ein Gespräch zu führen, also Fragen zu thematisieren, die jeden Besucher und jede Besucherin der Konzerte Alter Musik brennend interessieren.

TC: Lieber Herr Schwannberger, erlauben Sie mir zum Anfang den üblichen Einstieg: Wie kamen sie zur Frühen Musik? Wie findet man den Weg von München über Kassel nach Basel – als Sänger, Lautenist und als Flötist?

SvS: Ich stamme aus einer Familie von «Holzwürmern»: Meine Vorfahren sägten Holz, machten über Jahrhunderte vor allem Wagen und Kutschen. Die Affinität zu Holz in all seinen Formen scheint auch bei mir in den Genen zu liegen. Sei es die Liebe zu den «Klang-Hölzern» (also meinen frühen Flöten und Lauten) oder die Faszination für Adlerholz, dessen unfassbare Düfte zusammen mit chinesischer Teekunst fast all meine Freizeit seit vielen Jahren bestimmen. Auch Tee ist ja ein Baum und somit letztlich… Holz.

Es waren die frühen Cembali, Flöten und Lauten, insbesondere auch deren visuelle Schönheit, die mich als Kind in Museen eher zufällig auf den Weg brachten. Die Repertoires und die Liebe zu Kunst und Literatur des 16. und 17. Jahrhunderts folgten bald. Die klassische Gitarre wich dann immer mehr den historischen Blockflöten und eben dann den Lauten und frühen Traversflöten, die ich schliesslich in Basel an der Schola Cantorum studieren durfte, noch vor der Arbeit zu historischem Singen. Dem oft wohlmeinenden Vorschlag, mich doch nur einem dieser Felder zu widmen, versagte sich meine unbeugsame Natur immer wieder. Heute bin ich froh, mit allen drei Dingen gleichsam wie ein Kind spielen zu dürfen.

TC: Sie haben sich ausführlich mit der historischen Aufführungspraxis befasst, so auch insbesondere mit dem zeitlichen Wandel des gesanglichen Verständnisses. Auf welche Quellen greift man hier zurück? Oder wie kommt man zu einer historisch richtigen Annahme der Darstellung Früher Musik?

SvS: Auch wenn Aufführungspraxislehrer wie Anne Smith und Jesper Bøje Christensen mich während meiner Zeit an der Schola sehr prägten und bis heute mit Dankbarkeit erfüllen, war es doch immer wieder meine eigene Neugier, die mich erneut auf Lehr- und Wanderjahre schickte, auch mit der Gesangsforschung, die dann nach fast zwanzig Jahren 2020 in meine Promotion über den Kehlgesang des späteren 16. und 17. Jahrhunderts mündete.

Etwas stimmte und stimmt für mich nicht in der alten Musik: Während man seit Jahrzehnten neue Wege auf Instrumenten ging (sowohl technisch als auch klanglich), blieb vieles im Gesang unverändert so wie in der romantischen Oper und wurde (manchmal in leicht abgespeckter) Form auch etwa in der Barockoper zum Mainstream. Die Quellen verwiesen auf gänzlich andere Dinge, nämlich insbesondere auf das «Zwingen und Moderiren» der Stimme einzig und allein in der Kehle.

Die Quellen sind wie immer in guter aufführungspraktischer Arbeit eine Mischung: Traktate und pädagogische Veröffentlichungen, Beschreibungen von Aufführungssituationen, Ego-Dokumente (wie etwa Caccinis Nuove Musiche) und auch notierte Musik selbst, die Rückschlüsse auf das Singen zulassen. Während die historischen Instrumente in den Museen physische Quellen für instrumentale Praxis sind, hat die Gesangsforschung ein riesiges Problem: die singenden «Instrumente», also die historischen Sänger, sind tot und begraben! Was wir hingegen haben, sind die alten Beschreibungen, auch zum Gebrauch der Stimme zu Gesangszwecken. Diese Texte zeigen weniger konkrete physiologische Analysen, sondern vielmehr genau beobachtete Körperempfindungen und Bewegungen beim guten (und auch beim schlechten) Singen. Diese Beschreibungen wirklich ernst zu nehmen und mit der Musik zu verknüpfen ist der Ansatzpunkt meiner Arbeit, die man unter «Studio et Amore» unentgeltlich online finden kann.

TC: Gehe ich recht in der Annahme, dass die grosse Bedeutung der Improvisationskunst nicht nur der Freude an der Musik, sondern auch schlicht dem Fehlen von Noten geschuldet war, oder vielleicht sogar der mangelnden Fähigkeit des Notenlesens?

SvS: Ich glaube, Improvisation hatte und hat letztlich immer etwas mit Lebendigkeit zu tun. Es konnte der Bierfiedler sein, der im Wirtshaus einen Tanz vielleicht deswegen improvisierte, weil er geschriebene Musik weder zu kaufen noch zu lesen im Stande war. Es konnte auf der anderen Seite des Spektrums aber auch der bestens ausgebildete Kirchenmusiker oder die berühmte Sängerin bei Hofe sein, deren Geist eben auch bei geschriebener Musik umherwanderte und der Komposition neue, unerhörte, virtuose Elemente einhauchen wollte, die überraschten und berührten.

TC: Als Laie betrachtet man die gekonnte Improvisation als eine Form der Ad-hoc-Komposition. Folgen die Improvisationskünste in der Alten Musik gewissen Mustern, darf man sich dies als eine Art erlerntes Vokabular gewisser Stilrichtungen vorstellen?

SvS: Besagte Lebendigkeit kann sich auf vielen Ebenen äussern: Ja, die Modelle der Improvisation folgen in der Renaissance- und Barockzeit zumeist bestimmten Mustern, genau wie eine Sprache eben auf grammatikalischen Grundlagen basiert. Obschon man das am Anfang als einengend empfinden kann, erlaubt einem genau jene Struktur schliesslich auch, sich innerhalb ihrer selbst frei zu bewegen, ein bisschen wie im regulierten Strassenverkehr, in dem einem ja dennoch in viele Richtungen zu fahren freisteht. Am einfachsten vergleichbar ist dies vielleicht mit dem Improvisieren von Poesie (gleich ob ein simpler Kinderreim oder ein Sonett). Die erlernte Mechanik von Reim und Versmass führt in Verbindung mit künstlerischer Inspiration gerade dann zu aussergewöhnlichen sprachlichen Momenten, wenn es gelingt, in der Improvisation eine fast körperlich greifbare Freiheit durchspriessen zu lassen, die die Grenzen des Regelhaften sprengt oder zumindest zu sprengen scheint.

TC: In meiner letzten Frage vergleiche ich gerne den grossen, weltweiten Publikumserfolg der Barockmusik der letzten Jahrzehnte mit dem relativen Nischendasein der überaus reichen Musikwelt der Renaissance. Liegt das an den fehlenden Quellen, an den oftmals wenig bekannten Instrumenten oder am intimeren Charakter der Musik vor 1600?

SvS: Gute, schwierige Frage! Grosse Teile des Repertoires sind inhaltlich und sprachlich eben doch weit weg vom modernen Menschen des 21. Jahrhunderts, auch für mich (als von der Radikalaufklärung und Strukturalismus geprägten Denker) ganz persönlich. Diskurse über Liebe, Geschlecht, Sexualität, Identitäten, aber auch über Sinnhaftigkeit und Lebenskunst werden heute sehr anders geführt als im 16. Jahrhundert. Ein Profitieren von der Musik- und Gedankenwelt der Zeit bedarf vielleicht doch mehr Vorbildung und vor allem mehr Bereitschaft zur aktiven Transferleistung als eine hochbarocke Virtuosenarie oder ein Concerto grosso: und dies sowohl auf der Seite der Ausführenden als auch beim Publikum.

Der kommerzielle Markt der Barockmusik (zumal ausserhalb von Nischen wie Basel) funktioniert damals wie heute über starke Reize, insbesondere Virtuosität, Starkult berühmter Countertenöre und Sopranistinnen, auch über bejubelte Dirigenten.

Musik der Renaissance lässt das weniger zu: Virtuosität bei Palestrina oder Dowland ist oft weniger offenkundig als in einer Händelschen Rachearie oder Violinkadenz bei Vivaldi. Gewollt charismatisch agierende Dirigenten von Polyphonie wirken eher wie ein deplatziertes Relikt… aber das ist ein weites Feld.

Wie schön und hoffentlich zukunftsträchtig ist es, dass es in ReRenaissance zu gelingen scheint, das Basler Publikum durch kluge Konzeption mit hineinzunehmen in den Geist der Musik der Zeit des Humanismus, der gerade heute so viel zu bieten hat!

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Kolumne

Ich bin dabei!

David Fallows
Übersetzung: Marc Lewon

Die frühesten Hinweise auf Ensembles aus frühen Gamben (Viola d’arco) finden sich in Berichten über die dritte (und letzte) Hochzeit der berühmt-berüchtigten Lucrezia Borgia, als sie 1501 Alfonso d’Este heiratete. Anscheinend gab es dabei ein Ensemble aus sechs Viole d’arco, in dem Alfonso höchstpersönlich mitspielte. Woher man 1501 auf sechsstimmige Instrumentalmusik zugreifen konnte, weiß niemand. In den Berichten gibt es keinen Hinweis darauf, welche Musik sie spielten. Soweit die schriftlichen Aufzeichnungen reichen, gab es zu dieser Zeit höchstens vier Kompositionen für sechs Stimmen, drei davon Agnus-Dei-Sätze aus Josquin-Messen, die vierte ein bizarres Arrangement über John Bedynghams Lied, das unter dem Titel O rosa bellabekannt ist.

Aber wir wissen etwas mehr darüber aus Ganassis Regula rubertina von 1542 (vierzig Jahre später), die Details zur Stimmung und zum Spiel von Gamben in verschiedenen Größen enthält. Das Konzert umfasst Beispiele polyphoner Ensemblemusik aus den verloren gegangenen vierzig Jahren dazwischen. Das ist Musik, die man so gut wie nie zu hören bekommt. Es wird ein ganz besonderes Ereignis.

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Programm

1 Madonna, il tuo bel viso – Philippe Verdelot (c1480–c1530)
Il primo libro de madrigali, Venedig: Otaviano Scotto, 1537, Nr. 13

2 Recercar primo – Silvestro Ganassi (1492–c1565)
Lettione seconda, Venedig: Silvestro Ganassi, 1543, Kap. 15

3 Pass’e mezzo ditto il Romano – Pietoso – Desiderata – Francesco Bendusi (bis c1553)
Opera nova de balli, Venedig: Antonio Gardano, 1553, Nr. 1, 4, 3

4 Una donna – Giacomo Fogliano (1468–1548)
Il primo libro di madrigali a tre voci, Venedig: Antonio Gardano, 1556, Nr. 27

5 Io vorrei dio d’amore – Giacomo Fogliano / Intavolierung von Silvestro Ganassi
Lettione seconda, Kap. 16

6 Recercare – Francesco Spinacino (tätig vor 1507)
Intabulatura de Lauto, Libro primo, Venedig: Ottaviano Petrucci, 1507, fol. 39v–40v

7 Lasciare il velo – Francesco de Layolle (1492–c1540) / Intavolierung von Giovanni Maria da Crema (fl.1520–c1550)
Intabolatura de lauto […], libro primo, Venedig: Antonio Gardano, 1546, Nr. 38

8 Mille regretz – Josquin des Prez (c1450/55–1521)
L’ unziesme livre co[n]tenant vingt & neuf chansons amoureuses à quatre parties […], Antwerpen: Tielman Susato, 1549, fol. 9v–10r

9 Mi – Adrian Willaert (1490–1562)
Motetta trium vocum, Venedig: Antonio Gardano, 1543, Nr. 22

10 Mille regretz – Nicolas Gombert (c1495–c1560)
Selectissimae necnon familiarissimae cantiones […] zu sinngen, und auf instrument zubrauchen, Augsburg: Sigmund Salminger, 1540, Nr. 35

11 Zwei Kontrapunkte über «La Spagna» – Costanzo Festa (c1485/1490–1545)
Bologna, Civico museo bibliografico musicale, MS C 36; Nr. 85, 107

12 Tastar de corde col suo recercar – Joan Ambrosio Dalza (tätig vor 1508)
Intabulatura de Lauto, Libro Quarto, Venedig: Ottaviano Petrucci, 1508, fol. 4r–5r

13 Quanto sia liet’ il giorno – Philippe Verdelot
Intavolatura de li madrigali di Verdelotto da cantare et sonare nel lauto, intavolati per Messer Adriano, Venedig: Ottavio Scotto, 1536, Nr. 1

14 Passemezzo – improvisiert nach Dalza und anderen

15 Ricercar – Guillaume Colin (tätig vor 1540)
Musicque de Joye, Lyon: Jacques Moderne, c1550, Nr. 11

16 O dolce vita mia – Adrian Willaert
Canzone Villanesche alla Napolitana di M. Adriano Wigliaret a quatro voci, Venedig: Antonio Gardano, 1545, Nr. 2

Galerie

2026

Mai

Fleuster une Chanson

Lied & Tanz in Attaingnants Drucken
Sa. 30.05.26 So. 31.05.2026 18:15 Konzert

Sa Klosterkirche Dornach
So Barfüsserkirche, Basel

Juni

Ach, wie grausam – A que vile

Lieder für eine mysteriöse Dame
Sa. 27.06.26 So 28.06.2026 18:15 Konzert

Sa Nydeggkirche, Bern
So Barfüsserkirche, HMB

September

Quodlibet

Rätsel, Spiel und Spass
Sa. 26.09.26 So. 27.09.26 18:15 Konzert

Kirche Reigoldswil &
Barfüsserkirche, Basel

Oktober

The Queen’s Singers

Die extravagante Hofkapelle der Tudors
So. 25.10.26 18:15 Konzert

Martinskirche
Basel

November

Byrd & the Baron

A secret Christmas
So. 29.11.26 18:15 Konzert

Barfüsserkirche
Historisches Museum Basel