Ach, wie grausam – A que vile

Lieder für eine mysteriöse Dame
Sa. 27.06.26 So 28.06.2026 18:15 Konzert

Sa Nydeggkirche, Bern
So Barfüsserkirche, HMB

Flussfahrt mit musikalischer Unterhaltung auf Flöte und Laute. London, British Library, Add. MS 24098 («Book of Golf», Bruges c1520), fol. 22v © Courtesy British Library

I

n nicht weniger als fünf Liedern von Antoine Busnoys (c1435–1492) begegnet uns entweder in Andeutung oder als Akrostichon ein vollständiger Name: Jaqueline d’Haqueville. Auch wenn wir sie nicht eindeutig identifizieren können, war diese Dame offenbar Anlass für Busnoys, sehr ungewöhnliche und ungeheuer ausdrucksstarke Lieder zu komponieren. Und obwohl er einer der produktivsten französischen Liedkomponisten des späten 15. Jahrhunderts war und als einer der herausragendsten neben Johannes Ockeghem gilt, wird Busnoys in der Aufführungspraxis bis heute häufig übergangen. Wie unrecht ihm damit getan wird, beweisen seine Lieder immer wieder aufs Neue.

Korneel Van Neste – Gesang
Dina Picon – Gesang
Ivana Ivanović – Gesang, Portativ
Elizabeth Rumsey – Viola d’arco, Rebec
Marc Lewon – Laute, Viola d’arco, Rubecone; Leitung

Sa 27. Juni 2026
18:15 Uhr Konzert
Nydeggkirche, Nydegghof 2, 3011 Bern
Eintritt frei – Kollekte

So 28. Juni 2026
17:45 Uhr Intro (Clemens Goldberg, Berlin)
18:15 Uhr Konzert
Barfüsserkirche, Historisches Museum Basel
Eintritt frei – Kollekte

Dauer: ca. 60 Minuten (ohne Pause)

Interview

ReRenaissance Interview: Thomas Christ spricht mit der Mezzospranistin Ivana Sofia Ivanovic, Gründerin des jungen Vokalensembles KIMA

TC: Vielleicht zu Beginn eine erhellende, biografische Frage, wie findet man als Sängerin den Weg von Serbien via Frankreich nach Basel? Wo hast du deine Liebe zur Frühen Musik entdeckt?

ISI: Vielen Dank für die Einladung zu diesem Interview, ich freue mich auf Deine Fragen.

Als Kind hörte ich meiner Mutter beim Gesangsunterricht zu und bat sie, mich am Klavier zu begleiten, wenn ich in unserer kleinen Wohnung in Belgrad sang und tanzte. Nachdem wir nach Frankreich gezogen waren, wirkte ich in meiner zweiten Heimatstadt Bordeaux als Mitglied des Jugendchors meines Konservatoriums an mehreren Opernproduktionen von Puccini und Massenet mit. Obwohl ich es liebte, auf der Bühne zu stehen, war mein eigentlicher erster musikalischer Durchbruch eine CD mit Dowland-Liedern. Von diesem Tag an wurde meine Faszination für Alte Musik sowie für die Ästhetik der Reinheit und Eleganz von Stimmen wie denen von Alfred Deller oder Andreas Scholl immer stärker. Enttäuscht von meinem klassischen Gesangsstudium wechselte ich zum Renaissance-Gesangsunterricht am Konservatorium von Tours, wo ich die Polyphonie von Gombert, Willaert, Josquin, Lasso und vielen anderen entdeckte. Während der Corona-Pandemie liess mich mein Lehrer «Vergine Bella» von Dufay singen, was für mich eine weitere Offenbarung war. Schliesslich liess ich alles hinter mir, kündigte meine Stellen als Lehrerin und Chorleiterin, um nach Basel zu kommen und an der Schola Cantorum Basiliensis Mittelalter- und Renaissancegesang zu studieren.

TC: Viele unserer Zuhörer sind von der kleinen, tragbaren Pfeifenorgel, dem Portativ beeindruckt, ein Instrument aus dem Mittelalter, welches man selten zu sehen bekommt, aber auf vielen frühen Gemälden zu entdecken ist. Ist es dein präferiertes Begleitinstrument? In welchem Land liegen seine Anfänge?

ISI: Während meines Klavier- und Cembalostudiums hatte ich mir immer mehr Nähe zu meinem Instrument gewünscht – ich wollte es umarmen, mit ihm atmen. In der Schola entdeckte ich das Organetto bei Corina Marti als mein zweites Instrument und fühlte sofort eine Verbindung dazu. Ich begann dann, mich selbst bei einigen Stücken aus dem Machaut- und Trecento-Repertoire zu begleiten und fand dabei genau das Gefühl von Intimität und Verbundenheit, nach dem ich mich gesehnt hatte.

Das Organetto, oder die Portativorgel, hat nicht wirklich ein einziges Herkunftsland. Seine Wurzeln reichen bis zur «Hydraulis» (Wasserorgel) in der griechisch-römischen Antike zurück. Das mittelalterliche Instrument, wie wir es kennen, taucht im 13. Jahrhundert als europäisches Phänomen auf. Die frühesten identifizierten ikonografischen Quellen stammen aus Spanien (Handschrift mit den «Cantigas de Santa Maria», spätes 13. Jahrhundert), Frankreich (Handschrift der Pariser Bibliothèque nationale, f. fr. 19162, c1280–1290) und England («Queen Mary Psalter», c1310–20). Es wird auch im «Roman de la Rose» erwähnt, einem mittelalterlichen Roman aus dem 13. Jahrhundert, verfasst von Guillaume de Lorris und Jean de Meun. Der Begriff «Organetto» kommt aus dem italienischen Trecento (Kulturepoche des 14. Jahrhunderts in Italien) und ist eine spätere Bezeichnung, nicht der ursprüngliche Name. Das Instrument diente in der spätmittelalterlichen Kunst häufig als «Objektattribut», eine symbolische Kurzform, durch die eine abgebildete Figur, die das Instrument hielt, sofort als Personifizierung der «Musica» erkennbar war, was die hohe Wertschätzung widerspiegelt, die dem Instrument entgegengebracht wurde.

 

TC: Die gesangliche Musikvermittlung liegt dir offensichtlich am Herzen, das schliesse ich nicht nur aus deiner Tätigkeit als Chorleiterin, sondern aus deinem Juni-Projekt in Potsdam, wo insbesondere Schulklassen angesprochen werden. Kannst du uns dazu etwas erzählen?

ISI: Das Potsdamer Projekt gehört zu unserer Teilnahme an den Musikfestspielen Potsdam, wo KIMA an einem Ensemblewettbewerb teilnimmt. Neben einem Mittagskonzert präsentieren wir unser Programm «Törichte Menschen & raffinierte Bestien» vor Schulklassen. Das Programm erkundet die Verbindung zwischen Mensch und Tier anhand von Musik aus dem 14. Jahrhundert, ergänzt durch einige Stücke aus dem 20. Jahrhundert als zeitgenössisches Echo. Meiner Meinung nach sollten Neugier und Interesse für Alte Musik schon von klein auf gefördert werden, um neue Perspektiven zu eröffnen, Neugier und Fantasie zu wecken, den ästhetischen Geschmack zu entwickeln und zum Nachdenken über Kultur sowie zur Weitergabe des kulturellen Erbes anzuregen. Außerdem finde ich es wichtig, junge Zuhörer dort abzuholen, wo sie stehen, anstatt darauf zu warten, dass sie zu uns kommen.

TC: Im Titel eurer Ensemble Tätigkeiten liest man auch ‘vom mittelalterlichen Lied zur zeitgenössischen Gesangskreation’ – was ist darunter zu verstehen? Interessieren euch auch sog. Cross-over Experimente, wo sich verschiedene musikalische Disziplinen treffen?

ISI: Zunächst einmal treibt mich meine Faszination für die Stimme als komplexes, facettenreiches, flexibles und widerstandsfähiges Wesen besonders an. Da ich die Gelegenheit habe, mit drei Sänger:innen zusammenzuarbeiten, die sehr unterschiedliche Persönlichkeiten und Klangfarben haben, möchte ich die Möglichkeiten jeder einzelnen Stimme ausloten und ein menschliches Erlebnis schaffen, das über die modale oder tonale Sprache hinausgeht. Tatsächlich werden wir diesen Sommer gemeinsam mit einem Komponisten an der Uraufführung eines Stücks beim Festival Linee in San Marino arbeiten, und wir freuen uns sehr auf diese Gelegenheit!

Zum andern möchte ich vorsichtig mit dem Begriff «Crossover» umgehen, der eine Art stilistischer Vermischung implizieren kann, die in erster Linie auf Zugänglichkeit ausgelegt ist. Das ist nicht das, was wir anstreben. Unser Ansatz bleibt in der historischen Praxis verwurzelt. Wir arbeiten eng mit den Quellen, wie wir es an der Schola Cantorum Basiliensis gelernt haben, aber wir übertragen diese Strenge in neue sensorische Umgebungen und visuelle Ästhetiken. Ein aktuelles Beispiel: Im Mai trat KIMA in der Krypta einer Basler Kirche im Rahmen einer größeren «Apokalypse»-Aufführung auf, zusammen mit zeitgenössischem Schauspiel und freier Saxophonimprovisation. Die Frage, die wir untersuchen wollten, war einfach, aber brisant: Was bewirken die Polyphonie von Tallis und Agricola in stockfinsterer Dunkelheit, nach einer intensiven Verkündung der Apokalypse? Was verbindet uns als Menschen in diesem Raum, das wir in einem herkömmlichen Konzertsaal nicht teilen würden?

TC: Zum Schluss immer wieder meine Gretchenfrage zur Aktualität oder Aktualisierung der reichen, aber wenig bekannten Musik vor 1600. Während die Barockszene sich in den letzten Jahrzehnten einer weltweiten Verbreitung und Begeisterung erfreut, fristet die Frühe Musik immer noch ein Nischendasein. Sind wir hier auf dem Weg einer Trendwende?

ISI: Meiner Meinung nach bietet Frühe Musik eine andere Beziehung zur Zeit, eine Fremdartigkeit, eine Poesie, eine neue Begegnung mit unserem eigenen Inneren. In einer Welt, die von Geschwindigkeit und Lärm durchdrungen ist, könnten manche Menschen darin Trost finden.

Ich sehe auch eine spannende Entwicklung zwischen den Generationen: mehr interdisziplinäre Projekte, Aufnahmen, Festivalprogramme, Wettbewerbe und Initiativen, die junge Ensembles dazu ermutigen, neue Ansätze in die Alte Musik einzubringen. Diese Energie fühlt sich echt und voller Frische an.

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Kolumne

Ich bin dabei!

David Fallows
Übersetzung: Marc Lewon

Viele Jahre lang war die einzige Information, die wir über Busnoys hatten, dass er Musiker am burgundischen Hof unter Herzog Karl dem Kühnen war. Doch die Nachforschungen von Paula Higgins konnten ihn bereits früher im Kreis um Johannes Ockeghem in Tours in den 1460er Jahren verorten. In diesem Kreis stiess er auf das Genre der kombinativen Chansons, zu denen auch Vous marchez du bout du pied gehört, das stilistisch so fortschrittlich ist, dass es in späteren Quellen als Werk von Isaac aufscheint.

Das Wichtigste an Busnoys ist jedoch, dass er als der produktivste Liedkomponist der zweiten Hälfte des 15. Jahrhunderts gilt. Unter seinen Liedern finden sich mehrere, die eine Jaqueline d’Haqueville namentlich erwähnen. Wie genau ihre Beziehung aussah, können wir nicht wissen. Aber es gibt dort einige herrliche Lieder, und es wird ein Erlebnis werde, sie alle zusammen zu hören. Es wird obendrein etwas Besonderes sein, ein Konzert zu hören, das ausschliesslich seinen Liedern gewidmet ist – ein Vorhaben, das seit der berühmten Rifkin-LP aus den 1960er Jahren offenbar nicht mehr unternommen worden ist.

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Programm

Vorspiel

1. *A que ville est <et> abhominable (Chanson-Version) – Antoine Busnoys (c1430–1492)
Dijon, Bibliothèque municipale, MS 517 (olim 295; «Dijon Chansonnier»), fol. 18v–19r

2. Le corps sen va – Antoine Busnoys
Dijon Chansonnier, fol. 123v–124r

3. Est-il mercy – Antoine Busnoys
Leuven, Alamire Foundation, Ms. 1 («Leuven Chansonnier»), fol. 67v–70r

4. Quant ce vendra – Antoine Busnoys
Leuven Chansonnier, fol. 70v–72r

Jaqueline d’Hacqueville

5. *A une dame jay fait veu – Antoine Busnoys
Dijon Chansonnier, fol. 67v–69r

6. Bel acueil – Antoine Busnoys
Dijon Chansonnier, fol. 22v–23r

7. *A vous sans autre me viens rendre – Antoine Busnoys
Dijon Chansonnier, fol. 21v–22r

8. *Ja que lui ne <Jaqueline> si attende – Antoine Busnoys
Dijon Chansonnier, fol. 61v–62r

9. Pour entretenir – Antoine Busnoys
New Haven, Yale University, Beinecke Library for Rare Books and Manuscripts, Beinecke MS 91 («Mellon Chansonnier»), fol. 19v–20r

10. *Je ne puis vivre ainsi tousiours – Antoine Busnoys
Dijon Chansonnier, fol. 37v–39r

11. Faulx mesdisans – Antoine Busnoys
Florenz, Biblioteca Nazionale Centrale, MS Banco Rari 229, fol. 57v–59r

12. *A que ville est <et> abhominable (Kanon-Version) – Antoine Busnoys
Dijon Chansonnier, fol. 18v

* = «Jaqueline d’Hacqueville»-Chansons

Text & Geschichte

Clemens Goldberg: Die Chansons von Antoine Busnois: Die Ästhetik der höfischen Chansons (= Quellen und Studien zur Musikgeschichte von der Antike bis in die Gegenwart, Band 32), Frankfurt am Main: Peter Lang, 1994.

Galerie

2026

September

Quodlibet

Rätsel, Spiel und Spass
Sa. 26.09.26 So. 27.09.26 18:15 Konzert

Kirche Reigoldswil &
Barfüsserkirche, Basel

Oktober

The Queen’s Singers

Die extravagante Hofkapelle der Tudors
So. 25.10.26 18:15 Konzert

Martinskirche
Basel

November

Byrd & the Baron

A Secret Christmas
So. 29.11.26 18:15 Konzert

Barfüsserkirche
Historisches Museum Basel

Dezember

Frölich Wesen: CD-Taufe

Das Liederbuch des Ambrosius Kettenacker
Do. 17.12.26 19:00 Intro 19:30 Konzert

Dorfkirche Riehen