**30.11.2025 ** Aufgrund der Erkrankung von zwei Sängerinnen haben wir das Programm kreativ angepasst und verstärken die instrumentale Seite des Konzerts. Wir bleiben natürlich im elisabethanischen Klangraum: Freuen Sie sich auf elisabethanische Hausmusik mit Werken von Byrd, Holborne, Playford und Tallis. Ein herzlicher Dank an Uri Smilansky (Gambe), der kurzfristig einspringt – und gute Besserung an unsere erkrankten Stimmen!
ReRenaissance Interview mit der Geigerin (Fidel, Viola d’Arco, Renaissancevioline) Elizabeth Sommers, November 2025
Anlässlich unseres Novemberkonzertes 2025 in der Barfüsserkirche im November 2025 haben wir das Vergnügen und die Ehre eine grossartige Interpretin der Frühen Musikszene zum Gespräch einzuladen.
TC: Liebe Elizabeth, du bist in Rochester, New York aufgewachsen und kamst bereits mit 18 Jahren an die Schola nach Basel. Wie findet man den Weg vom Neuen Kontinent so rasch in die Renaissance Stadt Basel?
ES: Ich bin in einer Kirche mit einem starken Musikprogramm aufgewachsen, und unser Musikdirektor war ein Liebhaber alter Musik. Als ich acht Jahre alt war, installierte die Eastman School of Music in Zusammenarbeit mit der schwedischen Orgelbau GoArt eine erstaunliche Barockorgel in meiner Kirche, und ich verliebte mich sofort in sie. Wir sangen Tallis, Palestrina, Viadana usw. im Chor, und mehrere Jahre lang spielte auch ein Gambenconsort in unseren Gottesdiensten. Ich erinnere mich, dass mir die älteren Motetten und Hymnen immer am besten gefallen haben, und als ich mit 16 Jahren an einem einzigen Wochenende zwei hervorragende Konzerte hörte, beschloss ich, dass ich Barockvioline spielen musste. Meine Mutter und ich wandten uns an Boel Gidholm, Barockviolinistin und Co-Direktorin des in Rochester ansässigen Ensembles für Alte Musik The Publick Musick, um Unterricht zu vereinbaren. Meine grosse Liebe und Faszination für Alte Musik führte mich nach einem Jahr am Historical Performance Institute der Jacobs School of Music nach Basel, und mein unendliches Interesse an dem, was vorher war, brachte mich zur Renaissance- und Mittelaltermusik.
TC: In den Social Media findet man deinen Namen bereits im Jahre 2018 unter der Überschrift «Musical Wunderkind – Strings – Liza Sommers». Wie kam es zu dieser Bewertung oder Auszeichnung in jungen Jahren?
ES: [Muss ich nicht unbedingt kommentieren – es klingt beeindruckender, als es wirklich war!]
TC: Wer deinem Spiel zuhört, fällt auf, mit welcher Leichtigkeit du musikalische Geschichten erzählst, meist auswendig spielst und wahrscheinlich nicht nur in Basel als Meisterin der Improvisation bekannt bist. Man hat den Eindruck, dass du Musik nicht abliest, sondern «abgespeichert» auf deinem Instrument abrufen kannst. Ist da was dran oder kannst du uns etwas zum Thema Improvisation oder Improvisationsmuster erzählen?
ES: Ich fühle mich keineswegs als Meisterin der Improvisation, aber es ist eine Praxis – und nicht nur eine Praxis, sondern ein poetisches Puzzle und eine Freude und eine Notwendigkeit –, die ich gerne weiter ausüben möchte. Wir Musiker:innen verbringen Jahre damit, bestimmte Musiksprachen zu studieren, und es ist die natürliche Fortsetzung dieses Lernens, dass wir in unseren eigenen Worten in den Sprachen sprechen sollten, die wir studiert haben. Man lernt Fremdsprachen nicht nur, um Gedichte zu rezitieren oder Zeitung zu lesen, sondern auch, um sich zu unterhalten und Geschichten zu erfinden. Abgesehen davon, dass es einfach Spass macht und spannend ist, ist dies auch tief historisch, und wir können uns nicht als historisch informierte Interpret/innen betrachten, wenn Improvisation nicht integraler Bestandteil unserer Praxis ist.
TC: Es erstaunt nicht, dass dich auch andere Stilrichtungen faszinieren, so insbesondere die traditionellen englischen und irischen Volkstänze. Sind das dankbare musikalische (Freizeit-) Brückenangebote zur historischen Aufführungspraxis oder wie würdest du die Beziehung zwischen Folk and Early Music umschreiben?
ES: Ich habe vom Anfang an Volksmusik gespielt, insbesondere schottisch-irische, skandinavische und amerikanische Melodien, traditionelle und zeitgenössische, oft zum Tanz. Ich betrachte sie als meine musikalische Muttersprache, was – um auf die Frage der Improvisation zurückzukommen – erklärt, warum es mir mit diesem Idiom am leichtesten fällt, zu improvisieren. Für mich ist die Beziehung zwischen Volksmusik und Alter Musik klar: Meiner Erfahrung nach ist Volksmusik eine eng zusammenarbeitende, kleinbesetzte Form des Musizierens, sie wird nach Gehör gelernt und auswendig gespielt und lädt zur Improvisation ein, von Verzierungen über Gegenmelodien bis hin zu völlig neuen Melodien. Ich bin vorsichtig mit der Tendenz, alte Musik (insbesondere Renaissance- und Mittelaltermusik) als vollkommen parallel zur Volksmusik zu charakterisieren – sie ist modal, also muss sie «folksy» sein! –, da sich diese Musikrichtungen in Kontext und Funktion stark voneinander unterscheiden. Ich kann jedoch mit Überzeugung sagen, dass mein Hintergrund in der Volksmusik mein Gefühl für improvisatorische Freiheit, Ensemblespiel, Verzierung und Rhythmus geprägt hat, die für das Spielen alter Musik so wichtig sind.
TC: Meine letzte Frage widmet sich dem medialen Erfolg der Barockmusik seit einigen Jahrzehnten – eine «Renaissance», die der reichen Musikwelt der Kompositionen vor 1600 weitgehend verwehrt geblieben ist. Woran liegt das? Gibt es noch zu wenig Early Music Festivals?
ES: Erlebt die Alte Musik an sich eine Renaissance? Ich bin mir nicht sicher, ob ich das sagen kann. Ich bin noch nicht lange genug professionelle Musikerin, um eine fundierte Meinung über den Stand der Dinge in diesem Bereich zu haben. Moden kommen und gehen, und die Darstellungsformen, die unsere Zeiten ansprechen, ändern sich, aber die Menschen wollen gute Kunst, und Künstler/innen wollen gute Kunst schaffen. Kunst ist meiner Meinung nach im Wesentlichen der bewusste Einsatz der Vorstellungskraft, und die Vorstellungskraft sucht und verwirklicht das, was über das bereits in der Welt Existierende hinausgeht. Wenn die alte Musik eine Renaissance erlebt, dann deshalb, weil ihre Aufführungsformen zeigen, was möglich ist, und weiterhin zeigen, was noch möglich ist. Selbst in den Jahrzehnten seit dem ersten grossen Aufschwung des Interesses an alter Musik und historischer Aufführungspraxis haben sich Geschmack und Praxis enorm verändert. Es ist erfreulich zu spüren, dass es eine Nachfrage und Wertschätzung für unsere Musik gibt, aber wir dürfen uns nicht auf unseren Lorbeeren ausruhen. Unsere Aufgabe ist es, unseren Zeitgeist, seine Resonanzen und Schatten genau zu beobachten und unsere Kunst auf den Aufbau der Welt anzuwenden, in der wir leben möchten.
Ich bin dabei!
David Fallows
Übersetzung: Marc Lewon
Ein besonders herausragender Aspekt des Konzerts im November ist, dass es die Vielseitigkeit von Byrds Genialität so eindrucksvoll präsentiert: Variationssätze, Pavanen- und Galliarden-Satzpaare, Ordinariums- und Propriumssätze für die Messe, Carols. Und einer der grossartigen Aspekte an Byrds Musik ist, dass er in all diesen Genres (und anderen) wirklich herausragend war. Man darf gerne annehmen, dass ich Byrd nur deshalb für einen der vielseitigsten Komponisten aller Zeiten halte, weil ich selbst Engländer bin (ebenso wie Grace Newcombe, die das Programm zusammengestellt hat – wir sind beide nicht nur Briten, sondern ganz ausdrücklich aus England). Aber wenn Sie das denken sollten, dann kommen Sie zum Konzert und überzeugen Sie sich selbst.
Geniessen Sie insbesondere die dreistimmige Messe, die am wenigsten bekannte seiner drei Messen. Oder geniessen Sie die grossartige Petre-Pavane und Galliarde. Nein: Geniessen Sie einfach alles. Das ist meine Definition von musikalischer Glückseligkeit.
«Byrd and the Baron» Programm
Der Komponist sämtlicher Werke dieses Programms ist William Byrd (c1540–1623).
kursiv = instrumental
1 Callino Casturame
Cambridge, Fitzwilliam Museum, MS 30. G 5 («Fitzwilliam Virginal Book», 1614–17?), Nr. 158
2 An earthly tree – Cast of all doubtfull care
Songs of sundrie natures, London: Thomas East, 1589, Nr. 40 & 25
3 Rorate caeli, Pro Adventu
Gradualia, ac cantiones sacrae (I), London: Thomas East, 1605, Nr. 12
4 Kyrie
5 Gloria
Mass for three voices, London (?): Thomas East, 1593–94
6 Will yow walke the woods soe wylde
London, British Library, MS Mus. 1591 («My Ladye Nevells Booke», 1591), Nr. 27
7 In winter cold – Whereat an Ant
8 Of flattring speach
9 Who lookes may leape
Psalmes, Songs, and Sonnets: some solemne, others joyfull, framed to the life of the Words: Fit for Voyces or Viols of 3. 4. 5. and 6. Parts, London: Thomas Snodham, 1611, Nr. 3, 4, 2, 5
10 Pavan Sir William Petre
My Ladye Nevells Booke, Nr. 39
11 From Virgin’s wombe – Rejoyce, rejoyce
Songs of sundrie natures, Nr. 35 & 24
12 Sanctus
13 Benedictus
Mass for three voices
14 Ne irascaris Domine – Civitas sancti tui
London, British Library, MS 29247 («Paston MS II», nach 1611), fol. 24v–26r / Liber primus sacrarum cantionum («Cantiones sacrae I»), London: Thomas East, 1589, Nr. 21
15 Agnus Dei
Mass for three voices
16 Galliard Sir William Petre
My Ladye Nevells Booke, Nr. 40
17 Tu es Petrus
Gradulia (II), London: Thomas East, 1607, Nr. 41
Sa Kirche Reigoldswil
So Barfüsserkirche, HMB
Sa Klosterkirche Dornach
So Barfüsserkirche, Basel
Sa Nydeggkirche, Bern
So Barfüsserkirche, HMB
Kirche Reigoldswil &
Barfüsserkirche, Basel
Martinskirche
Basel
Barfüsserkirche
Historisches Museum Basel