swald von Wolkenstein (c1376–1445) – Politiker, Ritter, Weltreisender und zugleich Dichter, Musiker und Sagengestalt: Seine Lieder berichten von Abenteuern auf Fahrten durch ganz Europa, zum Konzil nach Basel (wo auch seine zweite Liederhandschrift angefertigt wurde), von einer Pilgerreise ins Heilige Land und von seinem Schiffbruch im Schwarzen Meer. Sie zeigen uns aber auch, wie innig er mit seinem Heimatland Südtirol verbunden war, wenn er von den kalten Wintern auf seiner Burg singt oder das Frühlingserwachen unterhalb der Seiser Alm eindringlich beschreibt. Seine schillernde Persönlichkeit liess ihn schliesslich zur lokalen Sagengestalt werden. Die Legende besagt, dass ein Zauberspruch auf seiner Hand lag, der ihn jedes Musikinstrument zerbrechen liess, das er anrührte. Daher nannte man ihn «Man de fyèr»: Eisenhand. Im Konzert werden diese beiden Pole des «letzten Minnesängers» zusammengefügt und mit seiner Legende verknüpft.
Grace Newcombe – Gesang, Harfe
Korneel Van Neste – Gesang
Raitis Grigalis – Gesang
Baptiste Romain – Fidel, Dudelsack
Julian Anatol Schneider – Erzähler
Marc Lewon – Laute, Quinterne; Leitung
Eintritt frei – Kollekte
Sa 28. März 2026, 18:15 Uhr Konzert
Stadtkirche Liestal, Rosengasse 1, 4410 Liestal
So 29. März 2026
17:45 Uhr Intro (Prof. Dr. Marc Lewon)
18:15 Uhr Konzert
Barfüsserkirche, Historisches Museum Basel
Korneel van Neste, Baptiste Romain, Grace Newcombe und Marc Lewon © ReRenaissance 2026
Korneel Van Neste antwortet auf Fragen von Dr. Thomas Christ.
Thomas Christ (TC) Lieber Korneel, der Verein ReRenaissance freut sich ausserordentlich, dich zu unserem monatlichen Interview einzuladen. Ich stelle mir vor, du hast deine ersten gesanglichen Erfahrungen in einem belgischen Chor gemacht, bevor du in Leuven an der LUCA-School of Arts dein Musikstudium begonnen hast. Wann hast du deine Countertenor Stimme entdeckt?
Korneel Van Neste (KVN): Ich habe meine Countertenorstimme erst ziemlich spät während meines Studiums entdeckt. Nachdem ich zwei Jahre lang als Tenor/Bariton studiert hatte (und es mir nicht ganz gelang, in beiden Bereichen gut zu sein), fragte mich mein Lehrer, ob ich schon einmal versucht hätte, im Falsett zu singen. Es stellte sich heraus, dass der Stimmumfang da war, auch wenn mir damals noch die Technik fehlte! Lustigerweise begann sich meine Tenorstimme zu entwickeln, nachdem ich den Grossteil meiner Zeit meiner Countertenorstimme gewidmet hatte, und bis heute nutze ich beide Stimmlagen für Konzerte.
TC: Du bist in der Basler Szene der Alten Musik eine bekannte Grösse, obwohl du deinen ersten Master in Früher Musik in Holland gemacht hast. Wie und warum kamst du nach Basel an die Schola Cantorum?
KVN: Bin ich das? Ich bin mir nicht sicher, ob ich so weit gehen würde zu sagen, dass ich eine bekannte Persönlichkeit bin, aber ich fühle mich in der Basler Szene auf jeden Fall sehr zu Hause! Ich war 2023 zum ersten Mal in Basel und konnte das Gefühl nicht abschütteln, dass sich diese Stadt wie ein Zuhause anfühlte, obwohl ich vorher noch nie dort gewesen war. In und um diese Stadt herum passiert so viel im Bereich der Alten Musik, und vieles davon gehört zu dem Genre, das ich wirklich schätze. Das ist der Grund, warum ich mich entschlossen habe, hierher zu ziehen und ein zweites Studium an der Schola Cantorum in mittelalterlicher Musik zu beginnen.
TC: Obwohl du für viele Barockwerke auf der Bühne gestanden bist, scheinst du eine grosse Faszination für die weniger bekannten und neu zu entdeckenden Renaissance-Stücke zu pflegen. In Berlin hast du gar ein «Renaissance Lab» geleitet. Vielleicht erzählst du uns etwas über deine Leidenschaft für die historische Notation, die «Mensuralnotation»?
KVN: Als ich in Leuven war, habe ich für mich entdeckt, dass man nach mensuraler Notation singen kann. Dort hat mich Stratton Bull, der ehemalige künstlerische Leiter von Cappella Pratensis, ziemlich intensiv darin geschult, wie man historische Quellen liest, und ich fand das ein bisschen wie das Lösen eines Rätsels. Viele künstlerische Entscheidungen (wie musica ficta, also der Einsatz von chromatischen Noten, Textunterlegung, usw.) müssen vom Interpreten getroffen werden, und diese zusätzliche Herausforderung neben einem fremden Notationssystem, das es zu «entschlüsseln» gilt, hält einen Interpreten sehr auf Trab. Ausserdem fühlt es sich an, als würde man mit der Geschichte interagieren, wenn man die Musik direkt aus einer Quelle singt, aus der die Sänger:innen jener Zeit gesungen haben.
Und letztendlich sind die Quellen auch einfach wunderschön anzusehen.
TC: Im Gegensatz zur Musik des Barocks und der Klassik gibt es in der Welt der Renaissance insbesondere vor der Zeit des etablierten Notendrucks noch viel zu entdecken oder wiederzuentdecken. Welches sind eure Hauptquellen, wo findet ihr eure Singbücher, euer Bildmaterial?
KVN: Es gibt eine ganze Reihe von Websites, die sich der Veröffentlichung von digitalisierten Handschriften widmen und die leicht zu benutzen sind. Ich nutze meistens DIAMM, die IDEM-Datenbank und Gallica. Einige Quellen wurden auch als gedruckte Faksimiles herausgegeben, und ich muss zugeben, dass ich zu Hause ein paar davon herumliegen habe.
TC: Auch meine letzte Frage gilt dem unterschiedlichen Wirkungskreis oder Publikumserfolg der Barock- bzw. der Renaissancemusik. Erstere erfreut sich seit vielen Jahrzehnten eines grossen Konzert- und Opernerfolges, während die reiche Musikszene vor 1600 immer noch ein Nischendasein fristet. Steht die Renaissancemusik auch für ein breiteres Publikum vor einer Wiederentdeckung?
KVN: Ich glaube, eines der Hauptprobleme bei der Musik vor 1600 ist, dass sie eher etwas für Kenner ist, dass sie als «acquired taste», also als «anerzogener Geschmack» betrachtet werden kann. Ich vergleiche das manchmal mit dem Unterschied zwischen dem Trinken von Limonade und Rotwein. Limonade ist für jeden leicht zugänglich und hat sehr unterschiedliche Geschmacksrichtungen, die leicht zu unterscheiden sind, während es Übung und Erfahrung braucht, um die subtilen Unterschiede bei Rotweinen wahrnehmen zu können. Genauso kann es für das ungeübte Ohr so klingen, als würde alle Musik der Renaissance gleich klingen, aber mit ein bisschen Erfahrung fängt man an, die feinen Unterschiede zu hören, und ehe man sich versiehst, fragt man sich, wie jemand den Unterschied zwischen Ockeghem und Desprez nicht hören kann.
Ich bin dabei!
David Fallows
Übersetzung: Marc Lewon
Die Behauptung, Oswald sei «der vielleicht bedeutendste Dichter in deutscher Sprache zwischen Walther von der Vogelweide und Goethe» gewesen, wurde so oft wiederholt, dass sie mittlerweile zum Klischee geworden ist. Nicht wenige seiner 132 erhaltenen Liedtexte sind langatmig oder wirken in ihrer Virtuosität selbstverliebt, aber es gibt auch genügend Gedichte, die wirklich brillant sind.
Auf der anderen Seite ist sein musikalischer Ruf immer weiter gesunken, weil die Zahl der identifizierten Anleihen von sechs im Jahr 1924 auf inzwischen insgesamt fünfzehn gestiegen ist. So verwenden jetzt fast die Hälfte der siebenunddreißig mehrstimmigen Lieder in seinen Handschriften mehrstimmige Sätze, die nachweislich aus anderer Feder stammten und ursprünglich Texte in anderen Sprachen hatten. Aber wenn er die mehrstimmige Musik anderer Leute für seine Zwecke eingesetzt hat, wollte er sie sicher nicht als seine eigene Leistung ausgeben. Seine Kunst sollte in diesen Fällen als die Kunst der Kontrafaktur wahrgenommen werden, also als das Erfinden neuer Texte über bekannte Musik. Es war keine Täuschung beabsichtigt, und man kann wohl sagen, dass seinerzeit niemand getäuscht wurde (bis zum Aufkommen der modernen Musikwissenschaft).
Aber wir haben darüber hinaus noch fast einhundert Lieder mit einstimmigen Melodien, die an die Traditionen der Trobadors und Trouvères im 12. und 13. Jahrhundert anknüpfen. Und diese werden in diesem Oswald-Konzert eine wichtige Rolle spielen. Sie stellen ihn obendrein in den Kontext seiner Heimatregion, die oft noch «Südtirol» genannt wird, weil die meisten Einwohner deutsch sprechen, obwohl sie heute zu Italien gehört und eigentlich «Alto Adige» heisst. So oder so bleibt Oswald eine der schillerndsten Figuren des 15. Jahrhunderts. Ich kann es kaum erwarten, diese neue Interpretation seines Lebens und seiner Zeit zu hören.
Quellen:
Wien, Österreichische Nationalbibliothek, Cod. 2777 («WolkA», Wien c1425)
Innsbruck, Universitätsbibliothek, ohne Signatur («WolkB», Basel? c1432)
Alle Musikeditionen ausser Nr. 9: Marc Lewon
kursiv = instrumental
Das Alpenglühen
Wolff, Karl Felix: Dolomitensagen. Sagen und Überlieferungen, Märchen und Erzählungen der ladinischen und deutschen Dolomitenbewohner, Bozen 1913, 20. Auflage 2019, S. 73–74
1 Durch Barbarei, Arabia – WolkB, fol. 18v–19r
2 Sag an, herzlieb / Los, frou, und hör des hornes schal – WolkA, fol. 17v–18r; unbestätigte Kontrafaktur
3 Stand auff maredel / Frou, ich enmag – WolkA, fol. 14v–15r; Kontrafaktur über das anonyme Rondeau «Jour a jour la vie»
Die Seiser Alm und die «Verheißene Zeit»
Dolomitensagen, S. 78–80
4 Zergangen ist meins herzen we – WolkB, fol. 47v–48r
5 Mich tröst ain adeliche mait – WolkA, fol. 39v–40r & WolkB, fol. 32r–v; Contratenor: Marc Lewon
6 Ain graserin durch küelen tou – WolkB, fol. 31v
7 Ain guet geboren edel man – einstimmig: WolkA, fol. 47v; dreistimmig: WolkB, fol. 16v (Discantus & Contratenor) & 18r–v (Tenor & Text)
Eisenhand (Man de fyèr), Teil 1
Dolomitensagen, S. 176–179
8 Wach, mentschlich tier – WolkB, fol. 1r–v
9 Ich hör, sich manger fröuen lat – WolkA, fol. 38v & WolkB, fol. 44r
Eisenhand (Man de fyèr), Teil 2
10 Du ausserweltes schöns mein herz – WolkB, fol. 13v–14r; Kontrafaktur über die anonyme Ballade «Je voy mon cuer»
11 Vier hundert jar auf erd – WolkA, fol. 52v; Kontrafaktur über «A son plaisir» von Pierre Fontaine
Eisenhand (Man de fyèr), Teil 3
12 Var heng und lass – WolkA, fol. 7v–8r
13 Fräu dich du weltlich creatur – WolkA, fol. 16r–v; unbestätigte Kontrafaktur über einen vermutlich burgundischen Satz
14 Gar wunniklich hat sie mein herz besessen – WolkA, fol. 25r; zweistimmiger Kanon, Edition und Rekonstruktion: Marc Lewon & Uri Smilansky
Kirche Reigoldswil &
Barfüsserkirche, Basel
Martinskirche
Basel
Barfüsserkirche
Historisches Museum Basel
Dorfkirche Riehen